index prosa

Intermezzo zu einem Chopin-Konzert:

 

Am 15. Mai 2016 erhielt ich folgende Mail:

Sehr geehrte Frau Vess,

Ich arbeite an einem Projekt über Chopin in der Zeit des Nationalsozialismus.
Heute bin ich zufällig auf die Information gestossen, dass Otto Axer im Warschauer Ghetto Zeichenunterricht gegeben hat und dabei immer Chopin-Walzer pfiff.
Teofila Reich-Ranicki war eine seiner Schülerinnen. (Ihr Leben lang hat sie sich dieser gepfiffenen Walzer erinnert.) Sie haben ihn in den achtziger Jahren getroffen in Polen, daher meine Fragen:
Wissen Sie etwas über seine Liebe zu Chopin?
Und können Sie mir sagen, ob er sich künstlerisch mit seiner Zeit im Ghetto auseinandergesetzt hat?
Wissen Sie etwas über seinen Vater, Saul Axer?
Gibt es Aufsätze über sein Wirken, Nachrufe usw., die Sie kennen?

Reinhard Piechocki


Ich traf Otto ein einziges Mal, Ende Oktober 1980. Was ich darüber aufgeschrieben hatte, schickte ich Piechocki. Er bat mich noch um ein Foto. Das Foto, das ich von Otto habe, ist ohne Angabe der Urheberrechte, also zeichnete ich ihn.

In vierundzwanzig Episoden ging Piechocki nach, wie Chopins Musik von den Nazis eingesetzt wurde und Opfer des Regimes aus seiner Musik Kraft schöpften um weiterzumachen. Nicht alle, denen seine Musik Halt bot, entkamen diesem Tanz und keiner entkam unversehrt, auch wenn das manchmal so schien.
Auch Nazis liebten Chopin. Wie gern hätten sie doch bewiesen, dass wenigstens ein Haar auf seinem Kopf ein deutsches Haar war. Die Pianistin Elly Ney, eine feurige Hitler-Verehrerin, spielte Chopins Musik göttlich, auch nach dem Krieg.

Für Augenblicke nehme ich Sie mit zu Episoden aus und nach dem Warschauer Ghetto.

 

Das Ghetto, und dann:

In ihrem 92. Lebensjahr fragte sie ihr Sohn: Was tut dir weh? Nur die Seele, sagte Teofila Reich-Ranicki. Sie starb am 29. April 2011.
Sie spielte Klavier bis zur Chopin-Reife, *1
steht in dem ihr gewidmeten Nachruf der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, tags danach.

1939 wollte Teofila Langnas nach Paris um Kunst zu studieren. Mit der Flucht ihrer Familie von Lodz nach Warschau - da erhängte ihr Vater sich am Fensterkreuz - und später der Umsiedlung ins Ghetto war es mit dem Klavierspiel aus und Paris unerreichbar geworden.
Gleich nachdem Vater Langnas sich erhängt hatte, wurde Marcel Reich - das Ranicki ist von nach dem Kriege - von seiner Mutter hingeschickt, sich um die neuzehnjährige Tochter zu kümmern. Die Familien wohnten im selben Wohnblock. Die Beiden waren von da an ein Paar.
Im Ghetto besuchte Teofila die Zeichenstunden des Bühnenbildners Otto Axer. Die jüdische Selbstverwaltung hatte ihr dazu ein kleines Stipendium bewilligt.

über die Zustände im Ghetto notierte der polnisch-jüdische Mediziner Ludwik Hirszfeld:

Die Strassen sind so übervölkert, dass man nur schwer vorwärts gelangt. Alle sind zerlumpt, in Fetzen. Oft besitzt man nicht mal mehr als ein Hemd. überall ist Lärm und Geschrei. Dünne, jämmerliche Kinderstimmen übertönen den Krach. (...) Auf den Bürgersteigen stapeln Kot und Abfälle sich zu Haufen und Hügeln. (...) Ich sehe ungeheuer viele Männer und Frauen, die vom Ordnungsdienst gejagt werden. Alte, Krüppel und Gebrechliche werden an Ort und Stelle selbst liquidiert. Oft liegt etwas mit Zeitungen Zugedecktes auf dem Bürgersteig. Schrecklich ausgezehrte Gliedmassen oder krankhaft angeschwollene Beine schauen meistens darunter hervor. Es sind die Kadaver der an Flecktyphus Verstorbenen, die von den Mitbewohnern (...) hinausgetragen werden um die Bestattungskosten zu sparen. *2
An diesem Ort liess Otto seine Schüler Vasen, Lampen und Tische in Perspektiven zeichnen und pfiff Chopin-Walzer.
Er sah ihnen über die Schulter, pfiff Chopin-Walzer, manchmal korrigierte er was. Nie lobte, nie tadelte er, er schien zutiefst gelangweilt und hörte nicht auf zu pfeifen. Die Chopin-Walzer hatte Teofila vom Zeichenunterricht am besten behalten. *3
Otto gelang die Flucht aus dem Ghetto im Oktober 1942. Seine Frau, die aus Liebe zu ihm konvertiert war, kam da um.
Wer raus kam, tauchte unter, musste jedoch immer Angst haben erschossen oder denunziert zu werden. Otto geriet Ende des Krieges doch noch in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Als Jude trägt man sein Todesurteil in der Hose, sagte er mir. *4
Marcel Reich-Ranicki und seine Frau Teofila - sie hatten im Ghetto geheiratet - flohen am 3. Februar 1943. Beide waren zweiundzwanzig Jahre alt. Tosia, wie er sie nannte, gelang es sich arische Personaldokumente zu verschaffen um als Dienstmädchen arbeiten zu können.
Reich-Ranicki, der 2013 verstorbene Literaturpapst Deutschlands, erinnerte sich:
Tosias Karriere als Dienstmädchen konnte nicht erfolgreich sein. Ihre Eltern hatten sich mit ihrer Erziehung viel Mühe gegeben, sie hatte allerlei gelernt: Klavierspielen, Englisch, Französisch, und natürlich auch Deutsch. Doch hatte sie nie gelernt, wie man bügelt oder Kartoffeln schält und Gemüse putzt. *5
Fünfmal war sie bereits entlassen worden, ehe sie offenbar eine recht gute Stelle erwischt hatte. Eine wohlhabende Familie mit Musikzimmer und der für so viele Polen typischen Liebe zu Chopin. Einmal, allein in der Wohnung, setzte sie sich an den Flügel und spielte einen seiner Walzer. Da stand die Hausherrin hinter ihr.
Ich weiss, wer du bist, sagte sie. Pack deine Sachen... *6
1947 wollte Teofila in Warschau doch noch Kunst studieren. Es ging nicht mehr.

Am 1. September 1979 - am 40. Jahrestag des Einmarschs der Deutschen in Polen - sitze ich in Warschau Ottos zweiter Frau, Olga, gegenüber. Ich befinde mich damals mit Zeichnungen und Radierungen auf meiner Reise durch die Welten des polnisch-jüdischen Schriftstellers und Graphikers Bruno Schulz (1892-1942). *7 Ich will Menschen sprechen, die ihn noch gekannt hatten oder Menschen kannten, die ihn gekannt hatten, will mich vom Klang seiner Sprache durchdringen lassen. Olga hatte Bruno Schulz noch persönlich gekannt, damals in Lemberg.

Ende Oktober 1980 nimmt Olga mich mit nachhause. Ich soll Ottos gezeichnete Erinnerungen aus der Zeit vor dem Warschauer Ghetto sehen, knie auf dem Boden mit diesen Blättern in meinen Händen, als Otto unvermutet dasteht. Fühle mich wie ein Kind, das in geheimen Stössen seines Vaters wühlt.
Otto hatte jede dieser Erinnerungen mit einer einzigen Linie eingefangen. Sobald die Feder das Papier berührt hatte, setzte er sie nicht mehr ab, bis er durch war.
Es sind Tänze, sage ich.
Es sind tote Tänze, sagt er. Sie wissen, dass ich nicht tanzen kann, nicht mehr. Tanzte ich, malte wirklich, ich beschwüre das Ghetto Strich für Strich, Lage für Lage jedes Mal wieder herauf. Ich habe überlebt, weil ich feige war. Ich weiss, wo ich mich befinde, verehrte, gnädige Frau, wo ich nicht weitermache.
Für Otto und mich waren und sind Zeichnungen, Malerei, Theater, Literatur (...) Tänze, voller Melodien und Rhythmen, und alles darin spielt sich schliesslich an äussersten Grenzen ab, die es zu durchbrechen, nicht zu überschreiten gilt. *8
Beim Überschreiten lasse ich den Durchbruch aus, befinde mich nur scheinbar, gewissermassen unrechtmässig im Jenseits mit meinen Panzern, Vorurteilen, Waffen, sehe den anderen, mich nicht, nur Panzer, Luft. *9

Otto starb am 24. Mai 1983. Das Jaruzelski-Regime fing an die Zügel zu lockern. Unter Brücken standen noch Panzer. Wojtyla, ihr Papst würde kommen.

 

Otto Axer anhand eines Fotos aus dem Jahre 1979, Sabine Vess, 2016

 

Zurück ins Ghetto.

In seiner Autobiographie schrieb Reich-Ranicki:

(...) die Juden im Warschauer Ghetto wurden gemartert. Ihnen ist Grauenhaftes widerfahren, aber bisweilen auch Schönes und Wunderbares. *10
Er schrieb über den kurzzeitigen Trost, den Musik in der Hölle des Warschauer Ghettos bieten konnte, aber auch über das strikte Aufführungsverbot von Chopins Klaviermusik. Hiermit wollten die Nazis ganz Polen demütigen.
Wenige Monate nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Warschau lassen die deutschen Behörden das Denkmal Frédéric Chopins sprengen. Am 3. Juni 1940 untersagt das Propagandaamt für das Generalgouvernement Polen die Aufführung von Musikwerken die mit der polnischen Nationaltradition zusammenhängen. *11
Im Warschauer Ghetto - das letztlich nichts anderes war als ein deutsches Sammellager für den Weitertransport der Juden in die Gaskammern der Vernichtungslager - gab es hunderte arbeitslose Musiker. Sie stammten aus den Orchestern der Warschauer Oper, des Polnischen Rundfunks, der Warschauer Philharmonie und vielen Ensembles der Unterhaltungs- und Tanzmusik sowie etlichen Jazzformationen.
Damals konnte man überraschende Klänge hören: in einem Hof Beethovens Violinkonzert, im nächsten Mozarts Klarinettenkonzert - allerdings beide ohne Begleitung. Ich sehe immer noch vor mir - eine weisshaarige Frau (...): Erhobenen Hauptes gab sie auf einer Harfe etwas Französisches zum Besten. Wohl Debussy oder Ravel. *12
(Sogar, wenn ich es lese, höre ich Reich-Ranickis übertriebene Artikulation, seine feuchte Aussprache; er lispelte.)

So entstand im Ghetto ein von den Deutschen geduldetes Musikleben. (...) aber Chopin blieb im Jüdischen Wohnbezirk vom ersten bis zum letzten Tag streng verboten.

(...) nur bisweilen hat dieser oder jener Pianist, höchst leichtsinnig, als Zugabe ein weniger bekanntes Stück von ihm gespielt und dann die Frage, von wem das denn gewesen sei, ob nicht gar von Chopin, ironisch lächelnd mit dem Hinweis auf Robert Schumann beantwortet. *13
Robert Schumann (1810-1856) schrieb im Jahre 1836:
Chopins Werke sind unter Blumen eingesenkte Kanonen. *14
Dabei bezog er sich auf die politische Situation unter Zar Nikolaus I. und die Unterdrückung der Polen durch das russische Reich:
(...) denn wüsste der gewaltige, selbstherrschende Monarch im Norden, wie in Chopins Werken, in den einfachen Weisen seiner Mazurkas, ihm ein gefährlicher Feind droht, er würde die Musik verbieten. *15
Gut hundert Jahre später setzen die Nazis dieses Verbot als Kriegswaffe ein.

Am 23. September 1939 gab der Pianist Wladyslaw Szpielman - den Meisten bekannt durch den Film „der Pianist“ von Roman Polanski - in der Funkanstalt des Polnischen Rundfunks sein vorerst letztes Chopin-Rezital mit der Nokturne in cis-Moll.
Szpielman schrieb darüber:

Alle Augenblicke schlugen Geschosse unweit des Funkhauses ein. Ganz in der Nähe brannten Häuser. In dem Getöse hörte ich kaum die Klänge des eigenen Flügels. *16
Das Oberkommando der Wehrmacht gab am selben Tag für Adolf Hitler eine Zusammenfassung der Lage in Polen mit den Worten der Feldzug in Polen ist beendet.

Am 16. Mai 1943 telegraphierte der Warschauer SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop an General Wilhelm Krüger nach Krakau:

Der ehemalige Jüdische Wohnbezirk Warschaus besteht nicht mehr. Mit der Sprengung der Warschauer Synagoge wurde die Grossaktion um 20:15 Uhr beendet (...) Gesamtzahl der erfassten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt 56 065. Meine Leute haben ihre Pflicht einwandfrei erfüllt. Ihr Kameradschaftsgeist war einwandfrei. *17
Nach der Verwüstung des Ghettos tauchte Szpielman jenseits der Mauer unter in Häusern, die gleichfalls systematischer Räumung und Verwüstung anheimfielen. Er schrieb über seine Tage:
Den Tag über lag ich reglos da, um meine wenigen Kraftreserven zu schonen, die ich noch in meinem Körper hatte. Einen Rest Zwieback und ein Glas Wasser teilte ich mir sorgsam ein. Mit geschlossenen Augen rief ich mir Takt für Takt sämtliche Kompositionen ins Gedächtnis zurück, die ich je gespielt hatte. *18
Und er übte seine steifen Finger auch ohne Tastatur, liess die Finger die Klänge in Luft abtastend anschlagen.
Nachts begab ich mich auf Nahrungssuche, (schrieb er), ich stöberte in den Kellern umher und in den Brandresten der Wohnungen, fand dort ein bisschen Grütze, da ein paar Stückchen Brot. Wasser in Wannen oder Eimern oder Krügen. Bei diesen Wanderungen kam ich immer wieder an der verkohlten Männerleiche vorbei, die auf der Treppe unterhalb meines Verstecks lag - mein einziger Gefährte in dieser Zeit, dessen Anwesenheit ich nicht fürchten musste. *19
Am 17. November 1944 entdeckte der deutsche Offizier Wilm Hosenfeld den halb Verhungerten. In einem kahlen Raum mit verstimmtem Flügel liess Hosenfeld, der zum Stab der Festungskommandantur Warschau gehörte, ihn beweisen, dass er Pianist war, wie er gesagt hatte: Spielen Sie! Mit seinen steifen, dreckverkrusteten Fingern und diesen viel zu langen Fingernägeln spielte Szpielman die Nokturne in cis-Moll.
Hosenfeld gab ihm zu essen und warme Kleidung, suchte ihm ein sichereres Versteck, denn das Haus war für die Kommandantur bestimmt, und er versorgte ihn die nächsten drei Wochen mit Nahrungsmitteln, so dass er bis zum Ende des Krieges überleben konnte.

Am 17. Januar 1945 wurde Warschau von der Roten Armee befreit.
Wilm Hosenfeld kam in russische Kriegsgefangenschaft. Da starb er am 13. August 1952.
Am 15. März 1945 gab Szpielman im Funkhaus des Polnischen Rundfunks sein erstes Chopin-Rezital nach dem Krieg mit der Nokturne in cis-Moll.

 

Zitate aus dem Buch 'Unter Blumen eingesenkte Kanonen' von Reinhard Piechocki:

1: aus F. Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.04.2011
2: aus Christoffel 1987, S. 294
3: aus Reich-Ranicki u. Krall 2000, S. 79
4: S. Vess, 14.05.2016 per Mail
5: aus Reich-Ranicki u. Krall 2000, S. 282
6: aus Gnauck 2009, S. 155

7: Bruno Schulz - Sabine Vess: images of an encounter
8: S. Vess, 14.05.2016 per Mail (Ich gehe zurück auf meine ersten Notizen.) 9: aus S. Vess 'Bruno Schulz - Sabine Vess: eine Konfrontation' 1981

10: aus Reich-Ranicki 1999, S. 217
11: ebd., S. 223
12: ebd., S. 219 f
13: ebd., S. 223 f
14: Robert Schumann 1836
15: ebd.
16: Szpielman 1999, S. 25
17: aus Bartoszewski 1986, S. 106
18: Szpielman 1999, S.163
19: ebd., S. 164

Abbildungen:
Front: Chopin anhand eines Portraits von ihm aus seiner Zeit, Sabine Vess, 2018
Otto Axer anhand eines Fotos aus dem Jahre 1979, Sabine Vess, 2016
Back: Umschlag des Buches 'Unter Blumen eingesenkte Kanonen

 

'Unter Blumen eingesenkte Kanonen' Chopins Musik in dunkler Zeit (1933-1945)
Reinhard Piechocki 2017, STACCATO Verlag, ISBN 978-3-932976-68-1

 

index prosa