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als wäre es jetzt

aus Briefen an einen Freund 1986 - 1995

© Sabine Vess
2018

 

und bewegen sich fort wie
durch endlos
wuchernde sie ermüdende
Schlieren, als gäbe es
Zeit in Zeit

aufgegebene Festungen
Ruinen
Grenzstationen neben, über, unter
Grenzstationen

gelb, gelblich weiss bist du und violett bräunlich grau und dann das rostige Rot.

hier probst du zu sterben, zu
sterben musst du gehen!

und aus deinen Händen gebären sich Menschen nach Menschen, Maschendrahtleiber ganz ohne Haut. du umwickelst und verklebst diese Leiber mit Gaze, einer fleckig weiss transparenten Haut. sie haben keine Knochen. sind hohl.
die ersten zwei, erst die Frau, dann der Mann, können auf eigenen Füssen stehen. die Nachkommenden, mehr und mehr in Bewegung gefangen, nicht.

dieses Eine noch, hast du einen Glauben?
entschuldige die Frage
aber

durch die abgestandene Luft des Treppenhauses. im schwarzen Raum hängen sie an Fäden von der Decke. du hattest sie hergebracht. es ist Zeit zu gehen. du richtest die Scheinwerfer. auch ihre Schatten sind körperhaft transparent, weiss, rot, blau wie das auf sie gerichtete Licht.

weisse Schminke, rote, eine Hose, ein Hemd

deckt das Tropfen der Erinnerung, der Ahnung in euch, euren Kindern, Kindeskindern ab!
seid Monstranz-Menschen!
kniet nieder!
erhebt eure plattgewalzten eingesperrten Leben!
tragt sie von Altar zu Altar!
streut Blumen!
die nicht gestreuten Blumenköpfe kipptest du jedes Jahr auf dem Nachhauseweg in die Hecken.

du verliesst die Monstranz, brachst den Altar ab, brachst auf.
brichst ab. brichst auf. deine Kehle ist trocken.

schön bin ich stolz, sagte er, die Welt liegt mir zu Füssen. komm, sagt die Welt, nimm mich, sagt die Welt! sagte er. und dann ging's entlang der Huren und bei Tee durch Stösse hölzern nachgezeichneter Zeichnungen aus Männerabsteigen und Pariser Pissoirs.

weisse Schminke, rote, eine Hose, ein Hemd.
du streichst deinen Menschen nach Menschen über die spröde Haut, legst dich ihnen zu Füssen. sie strecken die Hände nicht aus, bewegen sich nicht unbewegt, verlassen, erreichen Stätten nur getragen, sagen kein Wort.
du hängst sie ab, hängst sie auf, legst dich ihnen zu Füssen.

im Anfang hattest du keine Stimme.

was weisst denn du von Schmerz! schreit der Krüppel.
was weisst denn du!

Züge kreischen. du schläfst in Hinterzimmern bei Freunden oder Bekannten von Freunden oder deren Bekannten, in einem freundlicherweise selbstverständlich angebotenen Hotelzimmer. alles ist Beziehungssache, fordert seinen Preis.

östlich des Flusses, der die Stadt zerteilt, stand der tot gewähnte Sohn der tot gewähnten Mutter gegenüber.

manchmal läufst du nur durch die Strassen, allein, trinkst irgendwo Kaffee.

Dollarnoten, eingewickelt in eine Zeitung. in Hotelzimmern kann man nicht sprechen. in Fahrstühlen auch nicht.

und dann durch das Land der Klagen, Heimatlieder, des Schüttelns von Köpfen über den schief gesetzten Stempel in deinem Pass.

vor dem Krieg, vor deiner Zeit, hatte dein Vater gemalt. danach hatte er viele Alibis, ihr, seine Kinder, seine Rolle als Ernährer, die das rein gezeichnete Bild verlangt.
mit suppendem Stumpf kam er aus dem Krieg - zurück, sagte er, sagte eure Mutter, sagten dein Bruder, deine Schwester.
Krüppel sehen alle anderen als Krüppel - das geringste Zeichen von Schwäche genügt - oder als Retter, und die sehen das Tragen des Krüppels als Lösung und sich als den Stärkeren.

Vögel mit grünen Zähnen können nicht weg aus in Asche gelegten Häusern,
wie die Geschehen,
eingebrannt in deren Skelette.

Laute
Schritte
Stampfen von Schritten gemäss gesprochener Worte

 

wir setzen unsere Toten in die Wipfel der Bäume, dass das Fleisch aus ihnen heraus wehe. Aasgeier umkreisen die Wipfel. nach drei Monaten hocken da Mumien, manche mit durchlöcherter Haut. dann holen wir sie runter, tragen sie in ihr Haus hinten im Garten. ihre Beine sind angewinkelt. trauern wir, halten wir die Hand vor den weinenden Mund.

weit weg warst du gewesen. dir pochen die Schläfen.

sogar in den letzten Winkel des Gartens bringen sie dir Kuchen. du magst keinen Kuchen. stellen ihre impertinenten Fragen, setzen sich zwischen die Buchstaben, erdrücken Gedanken, bevor die die Möglichkeit haben Form anzunehmen, verstümmeln mit ununterbrochenem Redeschwall. reichen den Kuchen wieder an, während der letzte Biss noch zwischen ihren Zähnen klitscht.

Nebel umklammert deine Glieder
weisse feuchte
Fetzen

während des Abendessens fällt dein Kopf auf den Teller.

setz dich!
Sie machen es mir nicht leicht - Ihre Kälte.
schweig!
Ihre Kälte!
schweig!

du starrst auf den Toten, besteigst ihn. die Angst, die du riechst, ist deine. Wasser treibt dir aus den Poren.
prasselnde orange-rote Feuerwand mit schwarzen Rissen und Löchern, gleich wieder rot.
Aschenregen
Feuer schreit

dein Vater schnitzte aus Stubben Brennholz Kasperlepuppenköpfe, zog sich die mit weissen Hemden um die Hälse gebunden Puppen über die Hände. die Toten die Toten, fingen die Puppen zu singen, zu tanzen an, haben weisse Pfoten, hihihihi!

dieses Wesen ergriff eines Tages ein Stück Holz, schnitzte eine Figur daraus und stellte sie unweit seiner Behausung auf. bei Sonnenaufgang war aus der Figur eine Frau geworden. sie empfing ein Kind, das wenig später zur Welt kam. doch das Kind starb. lass uns vom Fluss wegziehen, sagte die Frau, an einen anderen Ort, der höher liegt. und so geschah. ein zweites Kind wurde geboren. auch dieses Kind starb. und wieder sagte die Frau: lass uns wegziehen, an einen höher gelegenen Ort, wo nur Dornbüsche wachsen. und so geschah. es wurde ein drittes Kind geboren. dieses Kind blieb am Leben.

in der Spanne, in der du sie anschauen durftest, saugtest du jeden ihrer Atemzüge in dich auf, jede ihrer flattrigen Bewegungen, das sich Heben und Senken der Rippen. du durftest sie nicht berühren. gestern Abend lag sie in deinem Bild. du schältest sie weiter heraus. im Morgengrauen decktest du sie ab.

hätte es funktioniert, hätte es eine normale, wenn auch späte Regel gewesen sein können.
du kamst, es war versuchter Kindesmord.
deine Dankbarkeit fordernde Liebe würgt das, was sich nicht hatte entfernen lassen, noch immer.
es bleibt versuchter Kindesmord.
wer wollte damals schon noch ein Kind!
vielleicht kannst du dich irgendwann noch unvorbereitet von mir berühren lassen.
mich von jemandem zudecken lassen ohne zu erstarren.
es bleibt...

die Toten, die
Toten
haben weisse
Pfoten,
haben an ein weisses Hemd,
Unterwäsche ist ihnen fremd.

 

immer kurz vorm Einschlafen, auch mitten in der Nacht, lag der Fels auf dir, drückte deinen Leib in deinen so beengten Atemraum. halb noch auf dem Bauch, halb schon auf die Seite gekehrt, löste der Fels sich auf. war irgendwann weg. beängstigend, dass er, der jede Nacht auf dir gelegen hatte, weg war.

der Abend, die Nacht, der Morgen, das stille Haus.

der vierte Tag: du hattest den ganzen Tag eine nur kleine Stimme. bei der ersten Litanei musst du haushalten.

du bist wie die aus deinen Händen Geborenen.

das leise Weinen deiner Schwester im Saal. die Spannung zwischen den Menschen auf den Bänken und dir. Blicke graben sich dir ein.

mein Schatten ist flach.

inbrünstig unterwarfst du dich den Regeln der deine Eltern bestimmenden Religion. hattest den Zweifel daran schon früh hinter dir. es war ja kein Zweifel möglich, weil es keinen Zweifel geben konnte. dem stand gegenüber, dass wer die Gesetze und Regeln dieser sie bestimmenden Religion anerkannte, nicht wirklich erfassen konnte, was ausserhalb ihrer Gesetze und Regeln geschah, es weder sehen noch fühlen konnte, ohne dass sein Sehen und Fühlen ihn Lügen straften, wie er sein Sehen und Fühlen Lügen strafen musste, was du damals noch nicht voll erfasstest. du erfuhrst, und auch das drang noch gar nicht zu dir durch, dass Verstümmelungen Schmerz verursachen und dass der Schmerz dieser Verstümmelungen in anderen wieder zu solch Schmerz verursachenden Verstümmelungen führen kann. nachdem über Zweifel nicht zu sprechen war, unterwarfst du dich den deine Eltern bestimmenden Gesetzen und Regeln, unter Worten über das ewige Leben, bis ins Letzte.
du hattest auch keinen Schmerz zu haben, also hattest du keinen Schmerz.

in Unschuld will ich mir die Hände waschen und den Altar umschreiten, sagte der Priester, trocknete sich die Hände ab und schritt, das Weihrauchbecken schwenkend, um den Altar mit der das plattgewalzte, salzlose Leben beherbergenden, vergoldeten Monstranz herum.

nächtelang, tagelang sitzt du da. stehst auf. läufst und läufst. deine Worte legen lange Wege ab, sind voller Blut und Sperma und Tod und nicht Ankommen.
da gibt es schliesslich keine Anekdoten. wie das Fleisch der Toten in den Wipfeln der Bäume wehen sie heraus.

wir sind süchtig nach Klagen unter schief gehaltenen Köpfen: beiss schon zu!

du packst deine Menschen nach Menschen, gehst die Listen nach, räumst auf. du verstehst, dass dein Vater dieses Erbe nicht mehr antreten wollte, weder für sich, noch für euch, seine Nachkommen. sich jedes Mal unter komischsten Umständen entfalten. danach die Haut abspülen. die Haut deiner Worte ist brüchig und das Ausfallen einer Bewegung, jeglicher Verbindung schwebt immer wie ein Damoklesschwert über dir.

Püppsen! Püppsen! säuselt der Regisseur und die Knechte oben auf den hohen Leitern kichern.

sie bereiteten deine Rückkehr vor
stellten sich dir in den Weg
dann an den Rand

 

im frühen Nebel über dem Feld lassen Horden weisser Vögel sich kreischend nieder, grasen es systematisch ab. später kommen die Krähen. die weissen Vögel fliegen kampflos ab. nach den Krähen kommen die Hockeymenschen. erst das Jungvolk. später schwingen Veteranen die Schläger, schreien, rütteln am Zaun, schreien das Kind auf der Strasse an, schreien das Kind an: den Ball! das Kind lässt das Fahrrad fallen, hebt den Ball auf, springt über den Graben. erst auf dem Rückweg hat es Angst vor dem Wasser. am nächsten Morgen sind erst wieder die weissen Vögel da.

die Kinder zerschnippelten die Puppe deiner Grosstante, betteten die Schnippel in einen Schuhkarton, banden ein Kreuz aus zwei Stöcken, begaben sich unter Singsang aufs Feld gegenüber, steckten das Kreuz in den Boden, gruben ein Loch, legten den Schuhkarton mit den Schnippeln rein, schütteten Erde drauf. ein Mann mit Spaten überquerte die Strasse, riss das Kreuz raus, grubt den Schuhkarton mit der zerschnippelten Puppe aus, schmiss Kreuz und Karton in die Mülltonne.
das war lange bevor die Hockeymenschen das Feld für sich mit Beschlag legten. auch die waren dann wieder weg, und ihr Zaun.

du gehst, ihre Worte sind weit weg, streichst den Aufgehängten über die Leiber, legst dich ihnen zu Füssen, bis du zur Ruhe kommst, gehst dich schminken.
berührt die Hand mit der Schminke die Haut, kann niemand den Prozess mehr aufhalten wie beim Malen nach dem Setzen des ersten Strichs. noch wolltest du, dass jemand käme, die Texte, die letzten Worte aus dir heraus nähme. auf einmal sind sie weg.
du nimmst das Publikum wahr, nimmst alles wahr, jede Reaktion, jede sich nicht gehörende Falte. siehst wie ein Gesicht zerknautscht wird. die Schere liegt weiter als sonst im Raum, der Doppelmensch kommt zu spät. noch nie hat dir die Schminke tatsächlich die Augen verklebt, sind dir die Kleider vom Leib gefallen. du suchst der Zuschauer Augen. Auge in Auge ist schön, sagst du. das Duschen danach. diesmal will das Weiss gar nicht ab.

er umarmt dich besinnungslos, bedeckt dein Gesicht mit Küssen - nicht den Mund - rennt weg wie ein Kind, das nächtelang schreien, schluchzen will.

Schrumpfgesichter
Einkerbungen quer zur Richtung der
Furchen
Raubvogelaugen
Keuchen

nächtelang schon strömt Wasser aus deinem Kopf, deinem Rücken.

dann war er geschlossener denn je. schien jedoch freier, rauchte wieder. auch dein Vater verbreitete diese Freiheit und den Geruch schon Monate bevor er starb.

am Rosenmontag um ein Uhr früh mitten im Tanz gehst du.

steinerne Schatten krakeelen vorbei
Worte kommen und Gesten

von jetzt an müssen wir uns entscheiden, wen wir dem Tod überliefern, wen nicht.
wir müssen diese Entscheidung jedes Mal bei vollem Bewusstsein treffen,
sie keinen Regeln oder fremder Gewalt unterwerfen.
jeder einzelne wird immer probieren davonzukommen.
es stirbt sich nicht mehr einfach so.
wer schickt wen in die Sterbelager?
wer geht von sich aus dahin?

da sasst ihr an Tischen mit Männern, die die Lager da hinter sich hatten. sie sprachen voller Hoffnung. alt sassen sie da, wollten so jung sein wie die in ihren Papieren. legten ihre groben Hände auf eure spillerigen Arme, schaukelten euch. ihr gingt mit ihnen von Meldestelle zu Meldestelle, Hosen passen, Hemden passen.

du läufst um keinen Argwohn zu erregen. Treppenhäuser riechen. das Theater eines Landes fängt auf seinen Strassen, seinen Korridoren an.

um integriert werden zu können muss es dich für uns geben, sagte er dir. was du zeigst, gibt es für uns nicht, also gibt es, was uns betrifft, nichts zu integrieren.
du kämest von weit, sagen sie, und dass du probieren müsstest die Menschen für dich einzunehmen.
manchmal frierst du in herrschender Julihitze.

du überquertest dieselben Flüsse an nahezu denselben Stellen wie dein Vater damals.

dreissig Stunden und in dem ganzen Wust von Worten ein, zwei über das Lager hinter dem sichtbaren Lager, seine Mutter. eine hingeworfene, nicht kontrollierte Geste. getrennt durch unsichtbare Wände, bleibt dir nichts als sein Wimpel und der Geruch seiner Hüterinnen, die dich bei Ankunft schon in den Zug zurück drängen.

allein darfst du nicht mehr herkommen, tust du es doch, setze ich dich in den nächsten Zug zurück, sagte dein Vater, als du gingst. zu seiner Beerdigung kamst du allein, wolltest mit eigenen Augen sehen, dass er tot war, die starre Hand berühren.

wie kannst du sagen, dass seine Nähe schmerzt, an die Wand drückt?

am schwersten war/ist das dich Aufrichten und Herauskommen aus der Zone des Kriechens. du kamst/kommst ja nie ein für alle Mal aus der Zone des Kriechens heraus. da wird zurückgedrängt, vergewaltigt, erschlagen, gemordet, werden Freudenhäuser errichtet. das ist logisch. und bist du nicht fähig übergriffe im Ansatz abzuwehren, tust du als seist du nicht. wie Igel, die dann zerquetscht auf dem Fahrdamm liegen.

 

Schweiss läuft ihr übers Gesicht. ihr Kopf ist struppig, ihr linker Flügel hängt. die anderen flogen auf als du näher kamst. sie macht sich zu Fuss auf. ihr linker Flügel schleift durch den Sand nach. sie kann ihn nicht einklappen, stolpert über dieses nachschleifende Ding. liegt da. du läufst bis zum Ende der Insel. kehrst um. da hockt sie mit dem hängenden Flügel im Sand. rappelt sich auf. stolpert.
du bist süchtig nach Strand, des Meeres Rhythmus in seinem an- und abschwellenden Gleichmass. müsstest du den Leib nicht fortschaffen um nicht zu verbrennen, lägest du Stunden um Stunden in dieser irren Beruhigung.

am Anfang war die Wut, und dann das unbändige Lachen.
deine Grosstante brach bei Begräbnissen immer in Lachen aus. sie ist alt geworden, hat viel gelacht.

du wolltest schneller denken können. wie eine Kuh mit zehn Mägen stösst du schon zermalmte und runtergeschluckte Worte wieder auf, zermalmst, schluckst, und das alles für ein bisschen Milch und ein zähes Beefsteak, sagst du.

du wirst dich neben ihn setzen. ihm zuhören. seinem Schweigen. auch deine Grossmutter schwieg oft tagelang. Tag und Nacht wirst du neben ihm sitzen. er will nicht allein sterben.

weg ebben in Nacht, Gesichtern, Strassen
Stimmen sprechen vom Zustand der Sprechenden
Scharren von Füssen
Rauschen von Wasser nach dunkler
Stille

wusstest du, dass die Leute hier so schnell sprechen, dass der Klang ihrer Worte sich überlagert?

der Wind drückt gegen die Fenster.

morgens bereitete er das Frühstück, achtete darauf, dass ihr nicht gleichzeitig im Türrahmen standet. du würgtest die Sachen runter. spültest den Mund mit dem zu starken Kaffee, gingst gleich nach dem Frühstück.

obwohl du dir den Plan eingeprägt hattest, verläufst du dich wie das erste Mal, stehst nach einer Stunde wieder am Bahnhof. fährst dann doch ein Stück mit der Metro. wenigstens die Hälfte der Männer ist angetrunken. du landest nicht wie das erste Mal zwischen Berbern, sondern den Schwarzen Afrikas, die in den abblätternden, ehemals herrschaftlichen Häusern wohnen, kommst erst noch durch die sonntags tote Strasse der Büros.
starrende Augen neben zur Seite gehaltenen Gardinen.
verschrumpelte Alte mit verkrüppelten Füssen.
vierzehnjährige Mädchen, deren Leiber davon träumen genommen zu werden, während ihr Verstand ihnen einbläut sich zu den kahlen Büros vorzudrängen. sie werden beides erfahren und fett wie ihre Mamis werden, vor denen ihnen so schaudert. Bengel, die noch nichts von diesem Spiel wissen, sehen den Glanz in den Augen der sie hütenden Grossväter, wenn diese Füllen vorbei hüpfen, hören ihr uriges Knurren unter Grinsen mit feuchten Lippen. und dann zeigen ihnen die Grossväter, wie man die Peitsche schlägt um den Kreisel sich drehen zu lassen.

laut ertönt die Pastorale, das Wiederholen von Parolen, Kindersprache.
er legt dir beide Hände auf die Schultern. du kannst das Zittern deines Leibes kaum beherrschen, zeichnest die Drogenkinder, wie sie auf Bahnhöfen rumlungern mit wie von Napalm zusammengeklumpten Zügen. auch das ist Krieg, sagst du.

deine Stätte ist nirgends verzeichnet, deine Stätte gibt es nicht. wir weisen dein Zeugnis von der Hand, schlagen dich zurück, halten dich hin, auf Abstand, sperren dich ein, weisen dir die Tür, denn du bist unrein im Namen unseres herrschenden Vaters und Sohnes und Heiligen Geistes. Amen. wir nehmen dir alles Papier, alle Stifte, unterbinden jeden Kontakt.
du kratzt deine Spur in den Staub des Bodens, ritzt sie dir in die Haut, schleuderst, winselst deine Worte gegen die Wände des dich umschliessenden Raums, hinaus in die Wüste, krümmst dich, rennst zum Fenster, suchst die Wand, paarst dich mit Leere; im roten Feucht deiner Hand ballt sich der Staub.

du musst früher aufstehen, länger durchhalten, dir - jeder deiner Fasern - die Möglichkeit nehmen wiederkehren zu können.

diese endlosen Selbstgespräche, Verteidigungsreden, wiederholt und wiederholt, gleich Totenschädeln auf Hellebarden, mit denen Kopfjäger ihre Territorien abstecken.

vielleicht gibt es die in Aussicht gestellte Stätte nicht, wird euer Treck vorbeigeleitet.

du musst packen.

 

die elektrischen Leitungen sind zu schwach für Heizkörper, die wenigstens deinen Füssen ein wenig Wärme spenden könnten. der Betonboden ist staubig und feucht. in ein paar Wochen wirst du hier nicht mehr arbeiten können.

wegen der zu schwachen Leitungen gab es Mittwoch einen kleinen Brand. als du weg warst, standen meterhohe Flammen auf dem Dach deines Raumes. durch die Türen - manche Spalten klaffen mehr als einen Zentimeter - zieht's. sie mussten die alten Heizungsrohre in deinem Raum durchbrennen. rostiges Wasser klatschte aus fünf Metern Höhe auf den Betonboden. sie hatten dann einen Eimer geholt. Freitagabend war die immense Pfütze noch nicht weg. wo sie jetzt schon ausgetrocknet ist, liegt eine dicke Schicht Rostpulver. du malst ein Gesicht damit.

Menschen effektiv zu zermürben geschieht nicht durch psychische oder physische Kälte allein, sondern beiden gleichzeitig. jetzt erst wird dir deutlich, wenn du noch über einen klaren Verstand verfügst, verfügen willst, was du nicht alles getan hast, tust, nur für ein winziges Quäntchen Wärme. es ist also besser dir immer ein allernötigstes Quäntchen Wärme zu verabreichen - so oder so - damit du nicht scharf genug siehst und weiterhin verdrängst.

 

es ist nicht die Insel mit der Möwe mit dem nachschleifenden Flügel. ihr konntet erst spät weg dieses Jahr, brauchtet noch Sonne, Wärme.

das Appartement ist 150 Meter vom Meer entfernt. du kochst. er geniesst, dass du kochst.
der Strand ist voller dicker Menschen. Männer sehen aus, als kämen sie jeden Augenblick nieder. Frauen haben einzitzige Euter. irgendwo unter all diesen Fleischmassen zeigt sich ein winziger, spärlich blond behaarter Venushügel, ein winziger Penis.

ihr lauft zum Hafen. Fisch kaufen. du isst mit den Männern da frisch geröstete Sardinen. die Sardinen werden sofort gesalzen und auf einen Maschendraht geworfen, unter dem, in einer alten Tonne, ein Holzkohlenfeuer schwelt. nehmen Sie, sagen die Männer. noch nie hast du so leckere Sardinen gegessen. sie stopfen sie in sich hinein wie Erdnüsse. ihr kauft zwei Fische. der Junge entschuppt sie, holt die Eingeweide raus, hackt die Fische durch, spült immer wieder nach, schaut kaum hin, seine Finger wissen, wo ein Stückchen Magen oder Darm oder Gallenblase hängen geblieben ist, ein Stückchen Schlund.

wir können Ihnen das nur rückerstatten, hatte der Geschäftsführer gesagt, wenn die Versicherung beispringt. Tag für Tag wird hier für Tausende an Material gestohlen. die Polizei kommt erst bei 5000,- pro Mal.
was du nicht unter deiner Haut hast, dessen kannst du nicht sicher sein. kannst du der Meute nichts mehr in die offenen Rachen und Schösse werfen, zerreisst sie dich.

ihr macht euch früh auf, wollt zu Fuss über die Berge zur gegenüberliegenden Küste. acht Kilometer hin, acht Kilometer zurück.
du trägst das Wasser, die Sonnencreme, die Handtücher, die Wertsachen. übelkeit überkommt ihn vom ersten Anstieg an. weiter, fragst du, ja, sagt er. ihr erreicht den Punkt, von dem aus ihr den Punkt seht, der euch entweder zeigt, dass es da weitergehen kann oder nicht. ihr kehrt um. er schafft keinen einzigen Schritt hoch mehr. die übelkeit ist mit der Umkehr vorbei, sein Gesicht zerfallen. du erreichtest immer den Grad, sagt er, fielest an der anderen Seite runter und könntest nicht mehr zurück.

lange läufst du entlang des Meeres, bleibst irgendwo liegen. kehrst um. eine Krähe fliegt über den Strand, ein Bussard steht lange still in der Luft. das Meer ist wüst. du gehst rein, aber schwimmst nicht raus. der Sog ist stark und weit und breit niemand. manchmal zieht sich über die blaue Lava hier eine rosa Glasur. hättest du die körperliche Kraft, hacktest du Leben aus dieser Lava. so hart das Material und begrenzt deine Kräfte, schafftest du vielleicht eine halbe Wand Leben: Fleisch aus Stein, aus blauem Stein, aus riesigen blauen Stein-Speichelblasen. es gibt auch tiefrote Lavaergüsse, porös, schwer.
Sonnengötzen aus stahlblauer Lava. vielleicht hatten die Leute auf den Osterinseln gar nicht an Götter gedacht, juckte es sie einfach in den Fingern wie dir jetzt, und das Material, das ihnen zur Verfügung stand, war sacht. sie schufen sich übergrosse Menschen nach Menschen aus Stein, mit flachen Schatten, setzten sie der Sonne aus: verbrennt eure Augen! betet blind an! und lachten und kreischten und tanzten.

noch weiter als du liegst, sitzt ein flammender rostroter aufgerissener Frauenleib. Steine wälzen sich enormen Leibern gleich aus dem Meer oder aus der Felswand ins Meer.

du läufst bis hinter die blaue, die rote Lava. auf dem Rückweg weht es dich nahezu über den Strand. wunderschön, der Sturm, das Meer, der Sand. beinahe zurück, legst du einen Stein in deinen Hut, einen Stein mit Seele, sagst du - du trägst einen grossen Hut, damit dein Gesicht, deine Schultern nicht verbrennen - dann rennst du ins Meer. die Ebbe kehrt sich.

wer hier eine Ziege anfährt, muss dem Bauern die Ziege bezahlen.

es ist bewölkt. ihr mietet ein Auto. solch Land hast du noch nie gesehen. heute ist Mariä unbefleckte Empfängnis. als Kind begriffst du das nicht, sagtest: Maria unbefleckt im Gefängnis.
es ist irr mit einem gewöhnlichen Auto durch solche Urlandschaft zu fahren.
Touristen sind falsche Nomaden. Kino-, Theater-, Ausstellungsbesucher, sogar die meisten Leser sind Touristen.

Gemeinschaften externalisieren ihre Künstler in abbruchreife Gebiete ohne Vertrag und Rechte oder hinter ihre letzte Gewerbezone, schier unerreichbar, mit horrenden Anlaufzeiten. diese Codex-Analphabeten müssen, jeder für sich, stark genug sein durch die aufgeschütteten Wälle hindurch rein und raus zu dringen. Essen, sie brauchen ja Essen. vielleicht haben Gemeinschaften gar kein Zentrum mehr, sind da nur noch Wälle.

gebunden liegst du auf Stein
nackt
lautlos schreiend
der Stein ist glatt

du fängst an, dann kommen keine Worte mehr und etwas fegt in dir weg, was dasteht.

du probierst den Brief zu entziffern, den du letzte Woche geschrieben hattest: zu viel ist durchgestrichen, über einander geschrieben.

ein paar Tage bevor du damals aufbrichst, dringt mitten in der Nacht zu ihm durch, dass du vier Monate lang weg sein wirst, drei Monate hintereinander. Monate, nicht Wochen. monatelang hattet ihr alles durchgekaut. er hätte es nicht gewusst... du könntest... es könnte... er... du bleibst ruhig. es ist ja irgendwie immer so. ob du dir...
da, gegen Morgen schon, tritt etwas aus dir heraus, brüllt wie abgestochen, ist gleich wieder still.

wusstest du, dass der Baum der Erkenntnis der Birnbaum war?

noch ist alles still.

niemand hier begreife, dass wir, mit dem Abbruch der Mauer, unsere Insel so nicht werden halten können, käme das ja der Umarmung des Sterbens gleich. Invasionen machen sich auf, lösen weitere Invasionen aus, irdendwo.

da liegen deine unterwegs gezeichneten Gesichter. Tänze aus Verbindungen voller Blut und nicht gekommener Tränen, der Zärtlichkeit von Händen, ihrer Abweisung, dem stillen, dem schallenden Lachen, der Klebrigkeit, erzeugt von Angst vor Angst. du weisst nicht, woher sie kommen, wohin sie gehen, was sie in wem auslösen.

mit nur Worten lässt sich lange verschweigen; nicht mit ihrem Klang, der Spannung zwischen den Buchstaben, den Worten.

erstickender Belag. Durst. die rissige Kehle. es gibt keinen Anspruch. bittere Brunnen. fauliger Sand. vorausgeworfene Schatten, hängengebliebene. Nachhall. zitternder Leib. das Würgen.

Studenten sprengen die Züge, strahlen ihr Recht-Haben aus. Alte mit Stöcken stehen. der Rest sowieso. und wenn schon jemand für eine hutzlige Alte aufsteht, dann ist es ein Mädchen, wonach dann ein Junge für das Mädchen aufsteht. Gekicher.

das Dornröschen Paradeballett stehe dem Rang einer Militärparade auf dem Roten Platz oder in Bagdad nicht nach. das gelte auch bezüglich des dazugehörigen Schindens und Misshandelns von Wegwerfleibern zwecks ihres Einsatzes bei solch glänzenden Drogen.
schon in Aussicht gestellte Drogen putschten auf, deckten zu.
zeigen wir beides, sagst du, das Schinden der Leiber, das sie Hineinpressen in einen Zweck parallel zu den Paraden.
hunderte von Zeichnungen hattest du von diesem Zerreisstraining gemacht. nur wenige Tänzer waren heil und heil geblieben.

 

weg zu müssen sei für dich nicht so schlimm, sagst du. Gast zu sein, zeitlich aufgenommen zu sein in bestimmende Geschmäcke prägte, schon bevor du denken konntest, dein Leben. wohnst du ein, musst du die Geschmäcke, die Gerüche kennen, den Rhythmus der Schritte, die Zeitabläufe, die Peitschen und Pralinen. du liest Wünsche schon ab, lange bevor die Gastgeber sie aussprechen. und bewegst du dich, dürfen deine Schritte, dein Schatten dich nicht verraten.

weg zu müssen bei - bei ein paar Menschen tat/tut dir weh, zermalmte/zermalmt dir Hirn und Schoss.

da sitzen die Mütter mit aufgesetzten Augen, verschlingen Menschen, verschlingen Wege.
immer zerreisst deine den anderen zugewandte Seite, sie geben nicht Abschied. und du kehrst wieder, auch kommst du nicht zurück.

von irgendetwas, noch bevor du es denken kannst, kehrst du nicht wieder.

erst fallen die Augen raus, dann verschiebt sich der Rest. nicht, weil der Rest sich willens verschiebt, sondern sich, immer weiter vom Schwarz verschlungen, wegen seines Zusammenhalts, umordnen muss. das Schwarz ist immer konstant, weiss nichts von diesem Manöver.

am späten Nachmittag stehst du vor der Tür. du kennst die Gebärden, mit denen er öffnen wird. unten ist alles weiss getüncht. gleich links der Tür eine Zeichnung von dir unter Karnevalsserpentinen, zusammengepresst hinter Glas auf schwarzem Grund. dann, links, seine Mäntel und Hüte, die Tür zur Garage, dem Arbeitsraum seiner Haushälterin. dann, links noch, die Tür zu seinem Arbeitszimmer, das du einmal betreten durftest und einmal musstest, weil du anrufen musstest. da steht eine Schaufensterpuppe auf einem Podest. eine rosa Hure mit Strapsen und vergammeltem Gesicht. sitzt er an seinem Schreibtisch, schaut er auf diese Plastikhure, ihre gezähnte Vagina. rechts vom Eingang ist die Dusche/das Klo für die Gäste, die Treppe nach oben, hinter der Treppe, gegenüber dem Arbeitszimmer, das Gästezimmer. an der Rückseite die Tür zum Garten. er zielt mit gekochten oder ungekochten Kartoffeln auf die Katze des Nachbarn. wegen der Vögel. das Treppenhaus nach oben ist schwarz. da hängen auch Bilder seines Malerfreundes. auf der ersten Etage ist ein grosser Raum mit Blick auf den Garten und die Essempore mit Fenster zur Strasse, neben der Küche. auf dieser Empore steht ein grosser Esstisch. die Wände sind makellos weiss. es gibt keine Lücken zwischen den aufgehängten Bildern. sie hängen nicht übereinander. hier hängen zwei der Portraits, die du von ihm gemalt hattest, und eine Graphik nach einer seiner erotischen Geschichten. gleich zu Anfang hattest du ihm geschrieben, dass du seine Geschichten nicht zeichnen könntest. dann bat er dich um einen Buchumschlag. du hast also die Geschichten durchgezeichnet. auch ein Stein von dir liegt auf seinem Couchtisch. rot/weiss bemalt. ein Hurenstein. dann noch das Treppenhaus nach ganz oben - ein dunkelrotes. da hängt ein Plakat: wenn du den anderen liebst, sag es ihm.
die oberste Etage hat zwei Zimmer. links das ursprüngliche Elternzimmer mit Bad, rechts das ehemalige Tochterzimmer mit Dusche und mittendrin ein Klo.

sein Haus beklemmt dich. seine Freundin fragte dich irgendwann, ob du dein Haar für ihn so kurz geschnitten hättest, wegen seiner homosexuellen Neigung. du dachtest, die spinnt ja.
haben Sie etwas mit ihm gehabt, fragte sie dich. selbst wenn ihm vor deinen Augen die Kleider vom Leib gefallen wären - es gab zwei Momente in denen du ihn hättest nehmen können und er vielleicht gern genommen worden wäre.

deine gezeichneten Köpfe haben keine Ohren, kein Haar, deine Hände nur vier Finger, einschliesslich Daumen, und die Füsse vier Zehen. sein Malerfreund erklärte dir, was das bedeutet. es sagte dir nichts. dann sagte er dir, du müsstest doch fünf Finger und Zehen zeichnen. manchmal waren es sechs. du fingst an die Finger und Zehen zu zählen. das dauerte nur kurz. es gab auch Figuren mit zwei Kniegelenken an einem Bein. so zu laufen war allerdings kaum möglich.

bliebst du, schliefst du in dem Zimmer mit der Dusche und er nahm sein Bettzeug und zog ins Gästezimmer. seine Frau war tot.

ihr geht in sein Wohnzimmer mit den Steinbänken entlang der Aussenwand und einer Couch, deinem Hurenstein auf dem Tisch, Bildern seines Malerfreundes an den Wänden. ihr sitzt einander gegenüber. er auf der Steinbank, du auf der Couch. zwischen euch der Hurenstein und Bücher voller fetter Schamlippen und Penisse auf der Glasplatte. es gibt keinen Staub.
in diesem Raum habt ihr, mit durch zwei Etagen getrennten Schlafpausen und Esspausen in der Stadt oder auf der Essempore, Spaziergängen durch die Stadt, ununterbrochen gesprochen. der Kaffee morgens war so stark, dass er wie ein Stein in deinen Magen schlug.
er hatte Haus in dir genommen. bis an die russische Grenze warst du 1979 gefahren um ihn - auch - in seiner Geburtsstadt zu sehen.

ihr sitzt auch diesmal Mal einander da gegenüber. du trinkst einen Wodka mit Bisongras, er Limonade. ton Ami est malade. er bringt das alles rein auf einem Tablett mit Schälchen mit Nüssen oder Keksen. immer saugt er seine Lippen weg. noch einen Wodka? sie sind sehr winzig.

ihr müsst in die Stadt. auch er ist zum Abendessen der Gesellschaft eingeladen. ein Taxi. er hat Fieber. du hast Hunger. er hat Hunger. natürlich sind die der Gesellschaft noch nicht da und kommen noch lange nicht. er bestellt Kaffee. un café? du denkst: er hat Hunger, ich habe Hunger, was schiert uns die Gesellschaft? er spricht und spricht. du siehst die Hände, das Lächeln, das Wegsaugen des Mundes und antwortest richtig an den richtigen Stellen. du wirst immer abwesender von seinem Sprechen. warum bestellt er nicht was zu essen. nach anderthalb Stunden Warten muss er wieder ins Bett, geht zur Theke, bestellt ein Taxi, bezahlt. ihr hattet euch schon die Hand gegeben. er kommt nicht mehr an den Tisch, du stehst nicht mehr auf. rechts und links geküsst hattet ihr euch nicht - wegen seiner Erkältung. da sitzt du allein, bestellst ein Glas Wein. das Symposium muss ja irgendwann zu Ende sein. ein Mann, der mit anderen an der Theke steht, kommt zu deinem Tisch: verzeihen Sie, wollen Sie vielleicht mit mir trinken und dann tanzen und dann... nein, sagst du. ich dachte, weil Sie den Herrn haben abblitzen lassen, dass Sie...

in seinem literarischen Rahmen wärst du ein huriges fettes Weib, eine Bucklige, die den Sex nicht verschmäht, auf dem Teppich, wo immer, mit einem Geruch an der Grenze des Erträglichen.

 

Wesen, die die Erde aus grösserem Abstand schauen, sehen aufwirbelnden Staub in einem ihnen unerklärlichen Kräftestrom. irgendwann hat sich etwas darin verzögert, ist irgendetwas durch eine Barriere entwichen, wer weiss. mörderische Wirbel entstanden und aus Wesen aus Fleisch und Blut strömt es rot.

tagsüber fallen die Einsamen im Bahnhof nicht auf. sie laufen von Bahnsteig zu Bahnsteig. abends fallen sie auf, solange kann man nicht auf einen Zug warten. wer hier nicht herkommt, weiss nichts von ihnen.

der Mann entstand aus einem Klumpen.
die Frau aus dem Schatten dieses Klumpen.

Schweigen als Antwort zwingt dich ohne Fangnetz weiter zu graben. du drehst jede Faser um, jedes Korn. du weisst: nur wenn du deine ganze Kraft einsetzt, gibt, was du in Händen hältst, vielleicht her - was immer. du hegst keine Erwartung. schickst Zeichen raus, bleibst es tun. manchmal sind diese Zeichen das Einzige, das dir zeigt, dass du noch lebst. Menschen fallen durch deine Augen. die meisten sehen an deinen Augen vorbei.
das sich Auftun des Blutes durch Blicke.
die Luft hier ist gefährlich dünn, gefährlich schwer.

still lauschen
wenn die Stimme versagt
es war nicht die Kälte, die dich erzittern liess; auch, schon.
der Weg, das Warten - es war extrem kalt.
Wut
Ohnmacht

Gesichter, Hände prägen sich ins Fleisch.
schlagartig, für immer, als sähe man sich nie wieder.
dein Gesicht war beinahe weiss.

du willst negatives Licht auf der Bühne, so dass ein Loch entsteht, willst Löcher in Geräuschwänden. diese Löcher existieren, sagst du.

 

die Augen deiner Mutter bleiben kontrollieren, obwohl sie nahezu blind ist. du warst Einkaufen. wie leblos ergeben die Leute durch die Zeit schlurfen.

seit Tagen siehst du das dich Herausschälen aus deiner Leibeshöhle. du sitzt am Tisch deines Vaters. begreifst auf einmal, wie sehr dein Leib immer alle Strahlungen, jedes anderen Strahlung wahrnimmt. auch hier noch lag Nacht für Nacht der Fels auf dir.

du warst viel wach. sitzt wieder am Tisch deines Vaters. eine Viertelstunde ganz für dich.

heute Mittag zum Friedhof und dann über den Königsstuhl. vielleicht ein paar Schritte mit ihr laufen. abends will sie in die Kirche. du wirst sie hinfahren.
kommst du mit rein, fragt sie.
nein, sagst du.
und zu meiner Beerdigung?
deine Mutter ist sehr intelligent. wird es ihr zu viel, versteckt sie sich hinter dem Dummerchen, das nur Volksschule hat. diese Kirche hat sie benutzt um sich den eigenen Denk- und Gefühlsrahmen zu setzen und ihm gehorchen zu müssen.

du bist an diesem Ort, wohin ihr euch schon flüchtetet, als ihr noch alle hier wart. dein Bruder, deine Schwester, du. vieles hast du immer nur getan um dem Ersticken der festen Umklammerung zu entkommen. es ist irr davon auszugehen, dass es irgendeine Kraft interessiert, ob du erstickst oder nicht. geräuschlos für sich rauscht's quer durch alles Mögliche hindurch, staut sich davor auf, umfliesst es, schaut sich nicht um, weiss nicht, dass es eine Vergangenheit, ein Rückwärts, eine Zukunft gibt. als könnten Türme von Büchern etwas dagegen tun.
der Seiltanz auf dem unsichtbaren Band der Kraft lässt Menschen durch die Strassen hampeln:
Sieg Heil!
es ist ja Karneval, die närrische Zeit!
ham's 'n Jroschen?

irgendwann begriffst du, dass Kleinkinder mit ihrem Geschrei die Eltern bis zur Weissglut treiben können. dass Mütter ein Kissen auf das Gesicht des ihnen liebsten Wesens drücken. die meisten Mütter haben dann doch eine Bremse. das gilt auch hinsichtlich von Müttern, alten Müttern. an der Liebe zu ihnen tut das Verlangen ihnen die Hand auf den Mund legen zu wollen keinen Abbruch. gleich wird sie wieder wach, ist die Stille kaputt. dann fahrt ihr zum Friedhof. mit Begonien, Harke, Schaufel, Rosenschere und zwei neuen Pflanzen für das Grab ihres Mannes, deines Vaters. eine vom Grab ihres Mannes, deines Vaters, ist dann für das ihrer Stiefmutter, deiner Grossmutter.
sie hat dir schon gezeigt, was sie im Sarg anhaben will. und niemand darf sie dann mehr sehen. und auf dem Friedhof wird sie dir sagen, wie sie im Grab deines Vaters, ihres Mannes, liegen will; da liegt auch schon die Tante deines Vaters, die Souffleuse. auf der will sie nicht liegen.

das Grab deines Vaters und seiner Tante steht noch in roter Blüte. nur die gelbe Begonie, sagt sie. Harken, Giessen, das Moos auf dem Trampelpfad muss raus, alle alten Blätter runter. Giessen. Giessen. noch ein altes Blatt. das Grab deiner Grossmutter, ihrer Stiefmutter, sieht noch prima aus. zum Grab der Eltern einer Nachbarin. du nimmst alle alten Blätter runter, legst eins wieder hin. deine Mutter entfernt noch eine alte Blüte und dieses Blatt. dann zum Grab deiner Tante und deines Onkels. die rote Begonie. alte Blätter runter, den Efeu von einem Nebengrab harken. Giessen und das sauber Harken der fussbreiten Pfade zwischen den Gräbern. sie kann kaum noch laufen. du badest, massierst sie. was unter ihrem alle Zeit fressenden Trott in ihr umgeht, weisst du nicht. danach mit ihr durch die Wälder, auf den Wegen, die ihr Mann mit ihr gefahren war. sie war 62 als er starb, jetzt ist sie 81.

da sitzt deine alte Mutter in dem Wohnzimmer mit Deckchen auf dem Tisch. was weisst du schon von ihr! mit 85 starb sie in deinen Armen.

durchschneidest du Menschen die Hände, können sie nicht mehr greifen.

halb hier schon liegst du, halb da noch, schleppst dich. erhebst du dich, schlagen wir dich zurück. wir können das sich aus dem Kriechen Erheben anderer nicht leiden, treten und schlagen sich Erhebende zurück in ihr Kriechertum, gönnen ihnen unsere mitleidige Zuwendung.

Zeichnungen entstehen aus den Därmen heraus, wo die Leere dich zerknautscht, die Strahlung dich zertrümmert.
Schweigen als Antwort von zu vielen Seiten oder Geplapper. dein Leib hält das Feucht, den Auswurf fest.
jeder Blick ist ein Geschenk, auch wenn nicht so gemeint.

wir spalten einander Zeit. gierig nagst du an deinen Kindern, frisst ihren Zeit-, ihren Lebensraum, magst Gewalt.

die Augen fielen dir zu. als du sie auftatst, sass ein Toter neben dir.

beim wievielten Stromstoss auf die Nase, in die Genitalien wirst willig.

 

das Klinikgelände. du findest Haus 6 nicht auf Anhieb. fragst einen Mann. Sie stehen an seiner Rückseite, sagt er, nehmen Sie den Hintereingang. du gehst durch diesen Hintereingang, durchquerst Stationen und Gänge. früher hättest du Angst empfunden. aus zwei Gründen: in Gebieten rumzuirren, die eventuell off-limits sind, und dass du dich nicht verständlich machen kannst.
du fragst wieder einen Mann. der weiss es nicht, nur dass da irgendwo eine Treppe nach oben geht.
ein Klo, du findest ein Klo.
und dann sagt dir eine Ärztin, wie du dahin kommst. du musst wieder raus und einen anderen Eingang nehmen und ganz nach oben. es gibt keine interne Verbindung.

du verlässt diese Stadt. lässt die zurück, die weiss - seit gestern - dass sie doch unheilbar krank ist. kaufst eine einzige rote Rose. klingelst, gehst nach oben. hast Angst sie wieder kahl zu sehen. die Tür steht offen. du hörst noch eine Stimme, schliesst die Tür. sie steht am anderen Ende des Flurs - ein kahler aschgrauer Mann. und, fragst du. Scheisse, sagt sie. Knochenkrebs, der nicht auf die Chemo anspricht. ihr setzt euch an den gedeckten Tisch, eine ihrer Vertrauten und du. dir gegenüber, die kahle glatte Asche. die Vertraute lässt euch allein. zwei Stunden schaust du in dieses entspannte Gesicht mit der Verzweiflung darunter. sie heult.

unterwegs sitzt ein Penner auf dem Bürgersteig, grabscht nach etwas. seine Latschen stehen weit weg. du stellst ihm die Latschen hin. danke. die blutigen Hände, das blutige Gesicht, Schürfwunden. er bringt sich auf Hände und Knie, fällt um, bringt sich auf Hände und Knie, fällt um, bleibt liegen.

aus grauer, alle Falten glättender Haut starrten die grünen Augen unter kahlem Schädel. sie will nicht tot.

als sei seine Hand irgendwo abgerissen. auch seine Zehen scheinen nicht mehr seinen Füssen verbunden, trotz der verbindenden schwieligen Haut.

du wirst sie malen. sie hat zugelassen, dass du sie zwei Stunden lang in dich aufsaugtest. eher schon hattest du sie gemalt. das war nach dem ersten Urteilsspruch. und sie kam gleich zweimal in einer Zeichnung vor. du gabst ihr die Zeichnung, sie hängt in ihrem Zimmer. wie glatt ihre Haut jetzt ist.

du malst sie.
sie ist weiss gelblich grau.
vor einem halben Jahr noch war sie rot, ein roter Flecken.
ein Rot ohne Leben, dachtest du. du liest eure erste Begegnung nach. sie blätterte in diesen Heften von unterwegs, wollte nicht schreien. der Leib schrie. noch überwiegen die Längsstreifen nicht.
in äusserster Depression schneiden Menschen sich die Haare kurz oder rasieren sich die Schädel kahl - hier tut's die Behandlung des Krebses.

 

du riechst den Brand, dann siehst du die Flammen hinter der Verschalung.
Spinnen fallen von den Bäumen, ganze Scharen von Spinnen fallen auf den Tisch an dem du mit Menschen sitzt, hängen an ihren Fäden. grosse Spinnen.

du wirst im Ozean schwimmen. wirst in der Sonne über den Strand laufen. Sonne brennt dir den Schmerz raus, der Wind weht ihn aus dir heraus. der Sand scheuert deine Haut. das Meer ist so salzig wie dein Blut, deine Tränen.

zu wissen, dass die Bühne nichts als ein mehr oder weniger zufällig über die Wasseroberfläche herausragender Gipfel eines Eisberges ist. wie wenig wir noch von der Transparenz der uns beherbergenden Konstruktionen wissen, vielmehr wissen wollen.

um dich herum wird abgerissen. auch dein Raum wird abgerissen werden.

am Mittag warst du gleich zum Meer. und jetzt am Abend wieder. der Mond ist gross und rund.

das Rauschen des Meeres.
der Sand.
mit der Sonne auf deinem Gesicht döst du weg.

Sie müssen für zwei denken, nicht wahr?

seine Augen sind beinahe weg, doch ganz gross.
er zerknautscht sein Gesicht.
knipst nachts das Licht an.
Husten und Nase Schnauben.

 

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