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under the sign of Frans Kafka, meine Zeichnungen von Kafka und seiner Zeichnungen


Zeichenstunde mit Kafka
© Sabine Vess
1998/2017

 

Ob ich etwas zu Kafkas Zeichnungen sagen könnte.
Das war 1997. Ich war dabei ihn zu zeichnen:
wer ist dieser Mann, der immer wieder bei mir aufkreuzt, dessen Geschichten mich nie aufgefordert hatten sie zu zeichnen, wie die von Bruno Schulz (1892-1942).
Seine Tagebücher und Briefe hatten meine Jahre durch die Welt von Schulz begleitet. Seinem Käfer begegnete ich da.
Ich begab mich in eine Zeichenstunde* mit ihm.





K: "Als es in meinem Organismus klargeworden war, dass Schreiben die ergiebigste Richtung meines Wesens sei, drängte sich alles hin und liess alle Fähigkeiten leer stehn, die sich auf die Freuden des Geschlechts, des Essens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens der Musik zu allererst richteten. Ich magerte nach allen diesen Richtungen ab."*1

V: Sie blieben zeichnen, schickten dieses 'Geschmiere', wie Sie es nannten, sogar Ihren Freunden.*2

K: "Ich wünschte mir immer, zeichnen zu können, ich wollte sehen und das Gesehene festhalten. Das ist meine Leidenschaft."*3

V: Es kriecht übereinander her, zerquetscht, zerquetscht, drängt nach vorn, nach vorn gedrängt, geschlagen, zurückgewiesen. Läufe fressen sich uns ein - wir uns in sie - höhlen Betten aus, überschwemmen sie, fressen sich neue Betten.
Ein Bluthund, verfolgt die zeichnende Hand der Läufe Spuren, dringt weiter und weiter vor. An der Grenze mit dem Tod, der einzigen die untrennbar mit dem Leben verbunden ist, bäumt sich der Hund jaulend auf, wälzt sich winselnd am Boden.
Diese Grenze lässt sich nicht überschreiten.
Das Wissen vom Durchbruch da ist mit dem Durchbruch aus.
Zeichnen ist gnadenlos Wissen schaffen.
Da liegen die Spuren, bereit gelesen zu werden.

K: "Ich habe heute [...] drei Frechheiten gemacht. Sie schmerzen mich wie Magenschmerzen. [...] Ich ging also aus mir heraus, kämpfte in der Luft, im Nebel, und das ärgste, dass es niemand merkte, dass ich auch gegenüber meinen Begleitern die Frechheit als eine Frechheit machte, machen musste, die richtige Miene, die Verantwortung tragen musste."*4

V: Ehe wir's uns versehen, kann sich solche Miene zu uns unbeweglich machenden alles bestimmenden Dimensionen auswachsen, die uns festnageln, zerknautschen; uns beschliessen lassen zu versteinern. Wachend über die richtige Miene, atmen unsere Poren was in uns herrscht aus.
Ich starre auf Ihre Zeichnungen, drehe, wende sie, stelle sie auf den Kopf - anders als Buchstabenschrift bieten Bilder und Zeichen Zugang von allen Seiten her. Ich zeichne die von Ihnen Gezeichneten, verleibe sie mir ein, nehme ihre Haltungen an.

K: "Alles geschieht in ehrlichster Weise, nur dass innerhalb einer Befangenheit gearbeitet wird, die sich niemals löst, keine Ermüdung aufkommen lässt und durch das sich Heben einer geschickten Hand meilenweit sich verbreitet. Schliesslich heisst aber Befangenheit nicht nur die Verhinderung des Ausblicks, sondern auch jene des Einblicks, wodurch ein Strich durch alle diese Bemerkungen gezogen wird."*5

V: Was löst solch Verziehen des Mundes, solch Stehen, solch die Hände nach hinten Kehren in mir aus? Wie esse ich mit Händen ohne Finger?

K: "Meine Zeichnungen sind Spuren einer alten, tief verankerten Leidenschaft. Die ist natürlich nicht auf dem Papier. [...] Die [...] ist in mir. - Meine Figuren haben keine richtigen räumlichen Proportionen. Sie haben keinen Horizont. Die Perspektive, deren Umriss ich da zu erfassen versuche, liegt [...] in mir."*6

V: Meine Zeichnungen Ihres Gesichts sind die Gebilde der von meiner Hand nachgezogenen Spuren der Läufe darin, durchtränkt von Ihrem und meinem Blut, dem Blute Ihrer und meiner Menschen. Die Hand ist blind für Proportionen und Perspektiven, weiss nichts von Vorschriften, tastet ab, knetet, schlägt.
Mit jedem gesetzten Strich bauen sich solche Gebilde auf, werden zerstört, aufgebaut, legen tiefer liegende Läufe bloss - auch in mir. Oft enden diese Unterfangen in Vexierbildern. Manches steht direkt.

K: "Ich versuche, das Geschehene auf eine ganz eigene Weise zu umgrenzen."*7

V: Auf die Ihrer eigenen Umgrenzung oder die des eventuell Sie Sehenden? Dass niemand wisse, wo Sie sich befinden? - Die richtige Miene?
Hier und da lassen Sie so grosse öffnungen, dass es die Restkörper beutelt.

K: "Meine Zeichnungen sind keine Bilder, sondern eine private Zeichenschrift."*8

V: Schlüssel, die Tür, wohinter Ihre Leidenschaft klopft, zu gegebener Zeit doch zu öffnen oder das Klopfen von da und, infolgedessen, sich da unter Verschluss halten zu können?
"Sind Sie verzweifelt?
Ja, Sie sind verzweifelt?
Laufen weg?
Wollen sich verstecken?"*9
Manchmal reicht mir die Zeit gerade für Stichworte, vage Zeichen wie Knoten im Taschentuch.

K: "Ich bin eben noch immer in der ägyptischen Gefangenschaft. Ich habe noch nicht das Rote Meer durchschritten. "Nach dem Roten Meer kommt zuerst mal die Wüste", sagte J."*10

V: Vexierbilder sind Wüstenbilder. Da finden sich auch letztgezogene Spuren, irre Zeichen: ich war hier! Ihre Männchen kreuzen noch weit davon entfernt auf.

K.: "Mein Herumzeichnen...

V: Bilder geschehen uns.

K: ... ist ein sich ständig wiederholender und misslingender Versuch primitiver Magie."*11

V: Am Rande der Wüstenzeit bewegt man sich nicht so munter mit lustig knackenden Beinen oder auf Händen und Füssen mit gestreckten Gliedern und Hut. Die Wüstenzeit wirft ihren Schatten voraus. Und wir setzten alles in Bewegung da nicht durch zu müssen, schärfen unsere Sinne. Der Kelch gehe, bitte, an uns vorüber.

K: "Es ist meine alte Gewohnheit, reine Eindrücke, ob sie schmerzlich oder freudig sind, wenn sie nur ihre höchste Reinheit erreicht haben, nicht sich wohltätig in meinem ganzen Wesen verlaufen zu lassen, sondern sie durch neue, unvorhergesehene, schwache Eindrücke zu trüben und zu verjagen. Es ist nicht böse Absicht, mir selbst zu schaden, sondern Schwäche im Ertragen der Reinheit jeden Eindrucks, die aber nicht eingestanden wird, sondern lieber unter innerlicher Stille durch scheinbar willkürliches Hervorrufen des neuen Eindrucks sich zu helfen sucht, statt dass sie, was allein richtig wäre, sich offenbarte und andere Kräfte zu ihrer Unterstützung riefe."*12

V: Wie die richtigen Mienen fressen auch hinzugezogene schwächere Eindrücke Energie, die uns fehlt, wenn wir Kräfte zu unserer Unterstützung anrufen und die von aussen sich verweigern.

K: "Ich bin ja wie aus Stein, wie mein eigenes Grabdenkmal bin ich. Da ist keine Lücke für Zweifel oder für Glauben, für Liebe oder Widerwillen, für Mut oder Angst im besonderen oder allgemeinen, nur eine vage Hoffnung lebt, aber nicht besser als auf den Grabmalen. Kein Wort fast, das ich schreibe, passt zum anderen, ich höre wie sich die Konsonanten blechern aneinander reiben und die Vokale singen dazu wie Ausstellungsneger."*13

V: Die von uns ergriffenen Hoffnungsschimmer schwirren uns im Kopf, nisten sich uns ein, entzünden sich.
Wüstenzeit ist ohne Hoffnung, Bedingung, Rückhalt.
Es gibt keine Hoffnung ohne Überbringer und die sind gierig.

K: "Meine Zweifel stehen um jedes Wort im Kreis herum, ich sehe sie früher als das Wort. Ich sehe das Wort überhaupt nicht, das erfinde ich. Das wäre ja noch das grösste Unglück nicht, nur müsste ich dann Worte erfinden können, welche imstande sind, den Leichengeruch in einer Richtung zu blasen, dass er mir und dem Leser nicht gleich ins Gesicht kommt."*14

V: Das Erfinden 'des' Wortes für unsere Stätten, den Tempel, wie Sie sagen, ist vielmehr - für mich - sein Herausklopfen aus dem Klangkörper, der ich bin. Meine Worte legen lange Wege ab.
Der Zugang der Hand ist im Grunde nicht anders. Wir lassen sie etwas zeichnen, sie tut das auch, doch bringt sie Lagen, Schwingungen mit rein, derer wir uns bis dahin nicht bewusst waren, sein wollten. Es war nicht nötig. Sie streicht, radiert die Spuren, die uns an diese Lagen und Schwingungen herankommen liessen, aus, legt über die jetzt gestrichene, ausradierte, uns so beunruhigende Aufforderung zum Tanz die Zeichnung aufs Neue an. Jede Spur, die sie setzt, ritzt sich direkt auch uns ein, wie jedes Wort in uns hallt und widerhallt. Unter welch hochgehaltener Miene wir auch singend voranschreiten mögen, von jetzt an wissen wir, dass diese Lagen, diese Schwingungen mitspielen, ihren Zoll verlangen und eintreiben; uns mitreissen, über uns hereinbrechen können.

K: "... auf jedem Stein - aus welchem Bruche stammten sie? - unbeholfenes Gekritzel sinnloser Kinderhände oder vielmehr Eintragungen barbarischer Gebirgsbewohner zum ärger oder zur Schändung oder zu völliger Zerstörung mit offenbar grossartig scharfen Instrumenten für eine den Tempel überdauernde Ewigkeit eingeritzt."*15

V: Wir lesen, auch was wir selbst einritzen, mit dem Wissen, den daraus entstandenen Normen unseres Gestern - das Heute ist noch ohne Abstand - programmieren uns. Manches fassen wir noch gar nicht.
Wir sehen auch ohne Zeichnung. Das wissen wir, wenn wir den uns Liebenden ihn liebend offenen Auges in uns fallen sehen; einen Sterbenden offenen Auges in seinen Tod begleiten. Solche Gesichter zerfallen, blättern voller Schreie und Stillen ab.
Wir müssen bezeugen wollen. Sogar die vom Leichengeruch unserer Aussage Abgeschreckten sind Zeugen. Ihr sich Abwenden spricht Bände. Wir errichten Tempel, wo wir das Dasein nicht verkraften; nicht preisgeben wollen, wo wir uns befinden. In die nackten Tempelmauern, die unsere offenen Wunden umschliessen, ritzen wir unsere Zeichen: hier, ich liege hier! Auch Steine haben Poren.

K: "Immer [...] habe ich so eine quälende Lust, die Dinge so zu sehen, wie sie sich geben mögen, ehe sie sich mir zeigen. Sie sind da wohl schön und ruhig. Es muss so sein, denn ich höre oft Leute in dieser Weise von ihnen reden."*16

V: Und Ihre Menschen huschen, hüpfen gesenkten Hauptes von da nach da. Als wehe etwas sie auf. Jemandes riesiger Umriss, weiter hinten, wo die anderen herkamen, verblasst.
Und unten der Köpfe Spalier wie die aufgespiessten Schädel von Kopfjägern.
Und der Baum der aus sich herauskommenden Gesichter, immer weiter sich öffnenden Gesichter, nach hinten zu grösser, weniger zusammenhängend. Kinder sehen in Bäumen, in Wolken Gesichter, gaffen, schauen geschärften Blicks durch die Schlitze der Augen, drehen den Kopf, damit das Bild sich drehe.
Der Vogel in der Luft schlägt Purzelbaum.

K: "[...] die Treppe hoch, wenn es sein muss, unter Purzelbäumen."*17

V: Sich seitwärts rauf rollen wäre möglich. Dann aber müssen wir die vielleicht schon abbröckelnden Stufen voller Unrat - jeder putzt und unterhält ja, wenn schon, nur seine Treppe - wieder runter, kollern.
Mit einer inneren offenen Demarkationslinie spiessen sie den tollenden Vogel auf, hemmen seinen Wirbel oder bewahren ihn vor dem Fall?
Und das die Sänfte ziehende Männergespann, von rechts rein in die Vorstellung gespiesst, mit lustig angewinkelten Beinen.

K: "[...] mussten [...] bei jedem Schritt ihre Füsse hochheben..."*18

V: Das Pferd da ist dem Jockey durch die Hinterhand gesackt, mit aufgerichtetem Penis-Leib, überangewinkelter Vorhand. Es wendet dem Jockey das Gesicht zu. Der schwingt die Peitsche.

K: "Wir dürfen den Willen, die Peitsche, mit eigener Hand über uns schwingen."*19

V: Nie kann diese Formation mehr weg. Sie müssten ihr Muskeln geben, in das Spannungsverhältnis der Bewegung eingreifen.

K: "Ich will ja weg."*20

V: Und rasen ohne Grund, ohne Hintergrund, mit Füssen, die nicht laufen können, werfen keinen Schatten.

K: "Als wichtigster oder reizvollster ergab sich der Wunsch, eine Ansicht des Lebens zu gewinnen, in der das Leben zwar sein natürliches schweres Fallen und Steigen bewahre, aber gleichzeitig als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt werde."*21

V: Ich habe Ihrem Luftläufer um sein Spiel zu begreifen Füsse und das entsprechende Muskelspiel verpasst. Das machte einen Eisschnellläufer aus ihm. Das ist mir noch zu schnell. Ich muss mich Schritt für Schritt, ganz und gar und immer aufs Neue vom Boden absetzen. Da lag ich, hatte, ganz leicht, keinen Boden mehr unter den Füssen. Füsse brauchen immer einen Grund zum Laufen. Drei Luftschritte hoch schafft ein Seiltänzer.
Das Glas, vor dem Sie sitzen - Sie sind es doch? - wirft einen gestrichelten Schatten. Feste Körper wie dieses schwarze Glas werfen schwarze. Es gibt Spannen, in denen wir unser Gegenüber sich wie sein transparentes Doppel aus sich heraus schieben sehen. Vielleicht passierte Ihnen das. Sie müssen ja gemerkt haben, dass Ihre riesige Penis-Panzerfaust das Glas nicht heben kann, der Mund hin zum Glas müsste. Aufkommender Ekel steht in Ihrem Gesicht. Der Rücken, weggerissen - das muss Phantom-Schmerzen auslösen - bleiben Sie Ihrer unerbittlichen, nahezu karikaturistischen Front verhaftet sitzen.
Und Ihre die Umrisse nicht ausfüllenden starren oder übergeschmeidigen Leiber.
Und die Ihnen irgendwo rausgerutschten Geschlechtsteile.

K: "Ich erfasse Dinge um mich nur in so hinfälligen Vorstellungen."*22
"[Und) sie fallen mir nicht von der Wurzel aus ein, sondern erst irgendwo gegen ihre Mitte. Versuche sie dann jemand zu halten, versuche jemand ein Gras und sich an ihm zu halten, das erst in der Mitte des Stängels zu wachsen anfängt. Das können wohl einzelne, zum Beispiel [jene] japanische(n) Gaukler, die auf [der] Leiter [da] klettern, die nicht auf dem Boden aufliegt, sondern auf den empor gehaltenen Sohlen jenes halb Liegenden, und die nicht an der Wand lehnt, sondern nur die Luft hinaufgeht. Ich kann es nicht, abgesehen davon, dass meiner Leiter nicht einmal jene Sohlen zur Verfügung stehen."*23

V: Und Ihren gezeichneten Beinen keine funktionsfähigen Füsse. Es hat gedauert, bis ich laufen könnende Füsse und greifende Hände zeichnen konnte.
Gaukler umtanzen übrigens ihre Leiter - ihr Liebes-, ihr Todestanz - bedürfen via die Sohlen des Leiterjongleurs und die Bank, auf der er liegt, des Gegendrucks der Erde. Der Gaukler könnte fallen, der Aufschlag ihn töten, zum Krüppel schlagen. Und wir Gaffer wollen sehen, wie sich's liebt, wie sich's stirbt. Immer wieder. Wollen nach eventuellem Absturz sehen, ob der Kerl schliesslich doch wieder seine Leiter hoch humpelt, vielleicht sogar eine höhere. Wir bleiben stehen, bis unser den Krüppel tragendes Mitleid abgenutzt ist. Niemand kann ja auch die dauernde Kraft und Konzentration des Leiterjongleurs garantieren, sicher nicht, wenn ein Krüppel sie umtanzt; und ob wir Gaffer stehen bleiben. Sie haben Ihren Akrobaten so ausbalanciert, dass jede seiner Bewegungen - bewusst oder im Affekt - ohne Konterbewegung des Leiterjongleurs - oder umgekehrt - seinen Fall bedeuten muss, den Zusammenbruch der Formation. So in die Luft gebannt, haben Sie dieser Formation Unsterblichkeit verliehen. Niemand kann, niemand will sie vielleicht auch gar nicht mehr vernichten. Selbst wenn sich rechnerisch herausstellte, dass das Spannungsfeld überhaupt nicht stimmt, fiele der Gaukler nicht. Ob wir Gaffer stehen bleiben, hängt vom ersten ab, der stehen bleibt und gafft. Die in den letzten Reihen sehen nur die Rücken, die Haltungen der Rücken vor sich. Ihr Staunen kann also gar nicht dem Gaukler gelten. Und der Leiterjongleur? Der Leiterjongleur? Wahrscheinlich wissen die Gaffer in den hinteren Reihen gar nicht, worum es geht, nehmen nur die Rückenhaltung derer direkt vor sich an - was hat es nur mit dieser Haltung auf sich? - geben sie nach rückwärts weiter. Auch wer schliesslich begreift, in welcher Reihe er steht, kann seine Reihe nicht einfach verlassen. Schon die geringste Andeutung machte, dass man ihn brutal zurückhielte oder für vogelfrei erklärte.
Auch Ihr Dachläufer scheint mir in einmaliger Pose festgehalten. Jedoch, wie Sie schon von Ihren Worten sagten, "passt kein Brocken dieses scheinbar harmonischen Ganzen zum anderen."*24 Solch Laufen, das dem Gleichgewicht scheinbar keine Rechnung trägt, erfordert eine ausserordentliche Körperbeherrschung, tägliches langes Training. Ein paar Dachziegeln mucksen auf. Das versöhnt mich, kommt das doch vom Bauch her, diesem zittrigen Gefühl da, wenn man denkt, sich hinübergeschafft zu haben. Es spielt übrigens keine Rolle, ob Sie Ihren Gestalten Grund und Boden verleihen oder nicht, ihre Beine stehen damit nicht in Kontakt, auch nicht mit irgendetwas ausserhalb des Blattes.
"Ich liebe seine Strichmännchen", sagte jemand.

K: "Vor dem Einschlafen hatte ich [...] die zeichnerische Vorstellung einer für sich bergähnlich in der Luft abgesonderten Menschengruppe, die mir in ihrer zeichnerischen Technik vollständig neu und einmal erfunden leicht ausführbar schien. Um einen Tisch war eine Gesellschaft versammelt [...], von allen Leuten aber sah ich vorläufig mit einer grossen Gewalt des Blickes nur einen jungen Mann in altertümlichem Kleid. Den linken Arm hatte er auf den Tisch gestützt, die Hand hing lose über seinem Gesicht, das spielerisch zu jemandem aufschaute, der sich besorgt oder fragend über ihn bückte. Sein Körper, besonders das rechte Bein, war mit nachlässiger Jugendlichkeit gestreckt, er lag mehr als er sass. Die zwei deutlichen Linienpaare, welche die Beine begrenzten, kreuzten und verbanden sich leicht zu den Grenzlinien des Körpers. Mit schwacher Körperlichkeit wölbten sich zwischen diesen Linien die bleichgefärbten Kleider. Vor Erstaunen über diese schöne Zeichnung, die mir im Kopf eine Spannung erzeugte...

V: Vorstellungen sollten Sie im Bauch erfassen.

K: ... die meiner Überzeugung nach dieselbe und zwar dauernde Spannung war, von der, wann ich wollte, der Bleistift in der Hand geführt werden könnte, zwang ich mich aus dem dämmernden Zustand heraus, um die Zeichnung besser durchdenken zu können. Da fand ich allerdings, dass ich mir nichts anderes vorgestellt hatte, als eine kleine Gruppe aus grauweissem Porzellan."*25

V: Anders als die Vorstellung, die in uns steht, wird ihre Zeichnung Strich für Strich ins Leben gerufen. Manchmal bleiben nur Fetzen, herausgerissen, vergilbt.

K: "Waffen, so selten angewendet, ich dringe so schwer zu ihnen vor, weil ich die Freude an ihrem Gebrauch nicht kenne, als Kind nicht gelernt habe."*26

V: Vieles hinkt Ihren Vorstellungen nach, zum Beispiel die Verzweiflung des so Verzweifelten am Tisch.

K: "Verzweiflung über meinen Körper und über die Zukunft mit diesem Körper. Wenn sich die Verzweiflung so bestimmt gibt, so an diesen Gegenstand gebunden ist, so zurückgehalten wie von einem Soldaten, der den Rückzug deckt und sich dafür zerreissen lässt...

V: Diesen zerreisst es nicht.

K: ... dann ist es nicht die richtige Verzweiflung. Die richtige Verzweiflung hat ihr Ziel gleich und immer überholt."*27

V: Nichts ist abgerundet, dauernd hört auf, verblasst, bricht ab. Der nächste Blick ist der erste und nichts garantiert ein Erkennen.
Die Zeichnung, die Sie Milena mitschickten, damit sie etwas von Ihren Beschäftigungen sähe, stand in mir, als ich meine Mutter tags vor ihrem Tod zeichnete. Es waren vielmehr die Sätze, die sie Milena dazu geschrieben hatten: "Es sind vier Pfähle, durch die zwei mittleren werden Stangen geschoben, an denen die Hände des 'Delinquenten' befestigt werden; durch die zwei äusseren schiebt man Stangen für die Füsse. Ist der Mann so befestigt, werden die Stangen weiter heraus geschoben, bis der Mann in der Mitte zerreisst."*28

K: "Es erfasst mich oft ein trauriges Erstaunen über meine Gefühllosigkeit. Ich bin von allen Dingen durch einen hohen Raum getrennt, an dessen Begrenzung ich mich nicht einmal dränge."*29

V: Wie müssen Sie sich gefühlt haben, als Sie sich in der offenen Schädeldecke im Porträt Ihrer Mutter verschlungen ringen sahen. Auch auf den Kopf gestellt zeigt sich Ihr Ringen raus aus dem Schädel.

 

*) Die damalige 'Zeichenstunde' erschien im Mai 1998 im 'Kafka Katern' des 'Niederländischen Frans Kafka-Kreises' (Nederlandse Frans Kafka-Kring).

 

... Zitate aus Kafka Texten

*1 KT 03.01.1912
*2 J, S 58
*3 KT 03.01.1912
*4 KT 1909
*5 KT 26.12.1911
*6 J, S 59, 58
*7 J, S 59
*8 J, S 60
*9 KT 1909: "Bist verzweifelt? Ja, Du bist verzweifelt? Laufst weg? Willst Dich verstecken?"
*10 J, S 59
*11 J, J 60
*12 TK 30.10.1911
*13 TK 15.12.1910
*14 TK 15.12.1910
*15 FTB 12446, Oktavheft H, S 223
*16 FTB 12445, 75, Begonnenes Gespräch mit dem Beter
*17 TK 1910
*18 FTB 12455, S. 69, Der Dicke: Ansprache an die Landschaft
*19 TK 16.10.1916
*20 TK 1910
*21 TK 12.02.1920 *22 FTB 12445, S. 75, Begonnenes Gespräch mit dem Bettler
*23 TK 15.12.1910
*24 TK 15.12.1910
*25 TK 16.12.1911
*26 TK 28.01.1922
*27 TK 1909
*28 FTB 756, Briefe an Milena, S.179
*29 KT 16.12.1911



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