texte vess/schulz
bruno schulz - sabine vess: bilder einer begegnung

 

DAS PHÄNOMEN BRUNO SCHULZ ODER
MEIN BAUM DER ERKENNTNIS

© Sabine Vess

 

Es dauert, bis ich es herauslese. Im Ansatz jenes weissglühenden betäubenden Augusts steht fest: der Baum der Erkenntnis ist die Birne. Das Zentrum unseres Lebens und somit das Zentrum unserer Wahrnehmung ist empfindlich verrutscht, ist herausgerückt aus dem Schatten ferner Halte. Lange lese ich darüber hinweg, nur ein Anfang. Seine erste Seite mit all ihren Bildern ist für mich ohne Bilder. Ich spüre die zitternden Luftschichten, was aber soll ich mit der Klaviatur von Kälberrippen, der reinen Poesie des Obstes, mit Pomona, der Göttin des Obstes?
Kaum umgeschlagen, reisst eine Parade golden maskiert grinsend sich Grüssender mich mit.

"Wir blätterten, verrückt vom Licht, in dem grossen Ferienbuch, dessen Blätter sämtlich vor Hitze brannten und auf ihrem Grund den bis zur Ohnmacht süssen Matsch goldener Birnen hatten", schreibt Schulz im Ansatz zu jenem August.
Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Mein Mund füllt sich mit süssem warmem Matsch. Ich presse diesen Matsch durch die Lücken meiner Zähne. Er tropft mir durch die Finger, rinnt runter an den Ärmchen. Ich schlürfe ihn auf, lecke ihn mir vom Leib. Alles wird durchtränkt und glasiert von jenem süssen Matsch. Das Gesicht kann ich mir nicht ablecken. Nur die Lippen. Ich liege gerade ausserhalb des Schattens des Birnbaums des Nachbarn. 'Grauchen', hässliche graue Birnchen mit einer harten pickligen nahezu bitteren Haut. Ich stopfe sie in mich hinein, eine nach der anderen. Übergebe mich. Stopfe in mich hinein, stopfe in mich hinein. Fünf bin ich. Mein erster Spätsommer, nachdem meine Mutter mit ihren drei Kindern im März 1945 Stettin verlassen hatte. Jetzt wohnen wir im Schlafzimmer einer Halbschwester meines Vaters, einer frischen Kriegerwitwe mit zwei halbwüchsigen Söhnen, in Göttingen. Süss glasiert, ganz Birne, mein Gesicht spannt, kann ich nur noch die Oberlippe hochziehen, die lückenhafte Front der Zähne hinhalten. Der Schatten des Baumes, dessen Früchte wir gierig verschlingen, deckt uns nicht!

Als Schulz mir an Ostern 1971 in die Hände fällt, oder ich ihm, bin ich dreissig, unsere jüngste Tochter gerade vier Monate alt. Wir sind in Heidelberg bei meinen Eltern. Wie immer, wenn wir da sind, suche ich einen Krimi zum Einschlafen. Dieses Buch ist dicker als ein Krimi üblicherweise ist und das Rot seines Umschlags nicht das feurige Kadmium, dem ich immer wieder verfalle, es ist ein verblasstes Karmin mit einem Stich Blau.

Auf der zweiten Seite jenes Augusts, an jenem Abend noch, steht für mich fest, dass ich Schulz zeichnen werde. "Die Vorübergehenden, im Golde watend, hatten die Augen vor Hitze halb geschlossen, wie mit Honig verklebt, und die hochgezogenen Oberlippen enthüllten Zahnfleisch und Zähne." (Bruno Schulz, 'August')
Sie halten ihre glasierten Gesichter der gleissenden Hitze hin, halten sich selbst hin, vermeinend sich hinter, weit hinter dieser hermetisch verschliessenden goldenen Glasur raushalten zu können. Versengte Haut atmet nicht. Glasierte auch nicht. Wir japsen in immer kleiner werdenden Schrittchen, flachen ab. Auferlegen uns Lächeln. Jede Glasur verlangt ihren Zoll. Ich weiss, dass ich an dieser Parade der verklebt Promenierenden teilnehme und am Rande stehe und diese Parade, derer ich ein Teil bin, abnehme.

Da liegen seine Wortlandschaften, seine Wortmenschen. Ich liefere mich ihnen aus. Beinahe sieben Jahre dauert die Inkubation. Welchen Tanz tanzen Schulz' Menschen, wo spielt er sich ab. Wie, nicht warum. Hinter jedem Warum steht ein weiteres Warum und dann stehen wir mit dem Rücken an der unerbittlichen Mauer unserer Glaubenssätze, der uns eingeflössten Glaubenssätze, erheben sie zu drohenden Waffen. Schauen nicht weiter. Gehen nicht weiter. Und dahinter? "Siehst du", sagt mein Vater und lächelt beschwichtigend sein wissendes Lächeln. Meine Mutter sagt: "Das eine kann ich dir sagen, hätte ich den Glauben an meinen Gott nicht gehabt, ich hätte jene Zeit nicht überstanden."

Ich nehme Schulz beim Wort, seine Worte Stück für Stück in meine Hände, entheddere ihre Knäuel, stecke sie mir in den Mund, behalte sie lange auf der Zunge. Schlucke. Sie lösen Schreie in mir aus, Zittern vor letztem Ahnen, dämmern lange irgendwo dahin, scheiden Gerüche aus, schmecken.
Ich tanze mit Lebenden in Toten, Toten in Lebenden, Lebenden unter erstickter erstickender Haut, ganz löchriger Haut, in der Hitze, der Kälte ihrer jeweiligen Landschaften. Das schafft mich in letzte Gebiete und jene Gebiete in mich. An was ich mich klammere, was ich sich an mich klammern lasse, gebe ich Macht mich zu überschatten, mir die Augen zu verschleiern, mich zurückzuschlagen, sich oder mich zum Herrn über das Atmen, zum Mörder aufzuschwingen. Sterbe ich nicht, kehre ich wieder, schmecke den Hauch der zurückgelegten Strecken, fühle das Klopfen in den mir zugezogenen Spuren; sein Hall und Widerhall kann unvorstellbare alles erdrückende Ausmasse annehmen.

Ich fange an eigene Texte zu schreiben. Gesänge, sagt jemand. Aus diesen Gesängen entwickele ich dann Theater.

Als ich mit sechzehn den Wunsch äussere zum Theater zu wollen, sagt mein Vater: "Du hast kein Talent."
Meine Mutter ist die Tochter eines Schneiders. Einer von zwölf, verlässt mein Grossvater die Tucher Heide und zieht nach Stettin. Das ist Anfang des 20. Jahrhunderts.
Die Vorfahren meines Vaters stammen aus Jugoslawien. Von 1825 an sind sie Schauspieler und ziehen in der österreichisch/ungarischen Donaumonarchie und Deutschland von Bühne zu Bühne. Manche von ihnen sind leidenschaftliche Spieler, manche wissen nicht, wie sie sonst ihr Brot verdienen können. Es gibt einen Quartalssäufer unter ihnen. Eine Souffleuse, die den Verlauf vorflüstert. Mein Vater will Normalität. Er hat es satt in möblierten Zimmern zu hausen, in angeschlagenen Familien. Er verlangt nach Sesshaftigkeit, einem fest umrissenen rein gezeichneten Leben. In seinen Kindern soll es sich manifestieren. Der Krieg bestärkt dieses Verlangen in ihm. Er ist Gebrauchsgraphiker. In seiner Freizeit malt er Landschaften. Vierzig Jahre rackert er sich für unsere Normalität, für diese Reinzeichnung ab. Gefestigtes, Normales sollen wir ergreifen, uns darin verwurzeln. "Schaut", sagt er, die weisende Rechte mit seiner Krücke verlängernd, "dies ist das gelobte Land!" Dann stirbt er. Ehedem hält man sie dazu an, die weisenden Rechten mit Gewehren zu verlängern. Die Extremitäten sind Lebloses. Meine Mutter muss mit ansehen, wie ich dieses uns so gelobte Land in erster Generation schon wieder verlasse. Berührung, erhabener Geruch schweisstreibender Intensität, erstarrende Masken und Gesten, Schminke, Puder...

Zurück zur zweiten Seite von Schulz' August, zu den goldenen Masken der Sonnenbruderschaft, in denen die Passanten einander grüssen, sich angrinsen in dieser bacchantischen Grimasse eines heidnischen Kults, die ihnen mit dicker goldener Farbe im Gesicht steht, wie Schulz da schreibt.
Ich sehe dieses Grinsen auf Vernissagen, auf Partys, am Strand und etwas verhaltener, viel eher, auf den Weihnachtsgesichtern der Erwachsenen. Und wild gezügelt vor Zerriss an der äussersten Grenze von Schmerzerträglichkeit auf dem Gesicht meines Vaters. Sein Fuss friert ab, vor Charkow, im Winter 1941. Sein rechtes Bein ist nur noch ein Stumpf. Jeden Morgen zieht er sein Holzbein an. Oft helfe ich ihm dabei. Heidelberg ist im Sommer heiss und feucht, meine Mutter nicht so stark. Bei Wetterumschwüngen wird er von elektrischen Schocks erfasst: Phantomschmerzen. Der Stumpf mit dem Holzbein daran knallt an die Tischplatte. Sein Gesicht glättet sich. Wir decken den Tisch noch einmal. Er berichtet von jenen, die nicht weiter wollen, sich nicht mehr aus dem kalten Weiss erheben. "Wie an ein Federbett klammern sie sich an den Schnee." Die Farbe stimmt. Ich höre, dass wenn im Erfrierungsprozess ein gewisses Stadium erreicht ist, Erfrierende von Wärme durchflutet werden, warme sie mitnehmende Gesichte sie überkommen. Es kommt vor, dass er sich einbeinig an Krücken durchs Haus schwingt. Einmal setzt er eine Krücke, in Gedanken versunken, verkehrt auf, kollert die Treppe runter. Stille. Herbeigestürzt, starren wir von oben auf den Zusammengerollten mit den herausragenden Krücken, eingekeilt auf dem Treppenabsatz. Stille. Dann gibt uns dieses Bündel mit den staksigen toten Fühlern den Befehl zu lachen. Er ist ein Titan. Und da, zusammengerollt auf dem glimmenden Linoleum, die Küchenschabe. Er ist Edzio, der sich durchs Haus hangelt, Onkel Edward, gerüttelt von Stromstössen. Auch er träumt den Traum vom Homunkulus. Sein kleiner Bruder ist Emil.

In dem Haus, in dem wir dann, nach noch einem dann und noch einem und noch einem wohnen, gibt es noch einen Krüppel. Aus dem ersten Weltkrieg. Herr Ludwig aus den Sudeten. Er hat keinen Stumpf mehr wie mein Vater. Jeden Tag gurtet er sich ein Lederkorsett mit einem Bein daran an. Mit dem Schuh ohne Falte. Die Gurte laufen über die Schultern. Wenn er es ab gurtet, gurtet er auch diese kolossalen ungestalten Frauenhüften ab. Auch er wird regelmässig von elektrischen Schocks erfasst. Er ist beinahe taub. Er steckt eine Trompete in sein Ohr und richtet die auf den Mund des Sprechers. Der Bass seiner Frau lässt das Haus erdröhnen. Zu Weihnachten, Silvester, Ostern und Pfingsten sitzen sie in der guten Stube. Dann erklingt das 'Horst-Wessel-Lied'. Zu Silvester trinken sie Sekt. In diesem Sekt schwimmen kleine rosa Marzipanschweinchen. Immer schwarz gekleidete Frauen mit schwarzen Kopftüchern kommen zu ihnen: geborene Witwen mit schmerzhaft wehem Lächeln. Sie haben alles gehabt. Ihre Worte kommen in einem fremdartigen Singsang. Ganze Reihen Kirchenbänke sind voll von ihnen. Die meisten sind dick. Sie können köstliche Kuchen backen.

Vertraut, wie Schulz' Menschen mir sind, lege ich meine Hand in die tiefen Harmonikafalten Tlujas' Gesicht. Ich fühle das Zittern vor Plärren, das diesen faltigen Balg überhuscht, den zornig siedenden Unterleib dieser irren Götze, wenn sie ihre nach Befruchtung lechzende Erde in der Schwüle der schier unerträglich überreifen Sommertage höllisch schreiend gegen den Stamm des wilden Flieders rammt und unbefruchtet, ohne Aussicht auf endliche Wehe wieder zurücksinkt auf ihr Lager aus Kehricht, umschwirrt von Fliegen. Ich schlüpfe in die safrandurchtränkte Haut ihrer Mutter, die pergamenten die ausgelaugten Fleischfasern dieser Frau überspannt, deren Schoss vor Jahren die irre Götze gebiert. Manchmal noch schnellt ihre Hand wie in einem Reflex hoch, sinkt zurück auf die Liegende. Tief bewogen folge ich den Spuren des Vaters ausgemergeltem Gesicht wieder und wieder. Dieses Vaters, der, wie Schulz feststellt, im Herzen keiner Frau verwurzelt ist und deshalb in keine Realität hineinwächst und ewig an der Peripherie des Lebens in halbrealen Regionen an den Rändern der Wirklichkeit dahinschwebt. "An den gemauserten Stellen", berichtet er weiter, "war die grobe Sackleinwand zu sehen, aus der schon die Hanfbüschel zum Vorschein kamen." (Bruno Schulz, 'Die Küchenschaben')
Das Gesicht meines Vaters prägt sich mir, als er Ende 1945 in Göttingen bei seiner Halbschwester zu uns stösst - zurückkommt, wie er sagt - tief ein. Diese graue über die hervorstechenden Knochen geworfene Haut sagt: "Ich bin dein Vater. Es ist alles vorbei. Alles wird wieder normal sein, wie es war." Sein offener Fuss suppt. Meine erste Normalität, das sind rote lodernde Himmel, Sirenen, das Kreischen von Frauen, Trümmer. Wo soll er schlafen? Göttingen, das nicht bombardiert wurde, mutet mich unwirklich an. Meine Eltern, die Menschen ihrer Generation, wollen nicht wahrhaben, dass sie und mit ihnen ihre Nachkommen eine Grenze durchbrochen haben, hinter die sie sich nicht mehr zurückziehen können, weder geographisch noch mental. Niemand mehr. Die Wucht ihres massiven Gleichschritts zerriss die Grenze. Es gibt keinen Weg zurück, keinen Halt mehr. Sie greifen auf alte Blaupausen zurück, steigern sich in sie hinein. Das Zentrum des Lebens und somit die Sicht auf Leben haben sich aus dem schützenden Schatten des Baumes, von dem wir assen, unwiderruflich nach jenseits des Schattens verlagert. Der Kontakt ist direkt, die Verantwortung für unser Tun, die Entscheidung zu handeln oder nicht, eine persönliche. Konsequenzen sind fortan persönlich zu tragen. Noch glauben sie dem entkommen zu können, sprechen von Wiederaufbau, Reparation, Wiedergutmachung. Überspielen den Riss. Die zur Verfügung gestellten Mittel lassen diesen Wahn und das sich Manövrieren in diesen Wahn gedeihen. Was tun sie nicht um das Zentrum soweit wie möglich in die ihnen ehedem vertraute Position zurückzudrängen, leben, als wäre es so, krümmen die Blicke. Das Material stimmt nicht mehr. Ganze Saiten sind gesprungen. Sie werden geflickt, aneinandergeschweisst. Sie ziehen neue ein, schlagen sie an wie ehedem. Die alten Schwingungen sind passee. Alles was sie eingedenk jener Normalität so wieder aufbauen und leben, ist als Kopie zu erkennen. Aus eigener Erfahrung habe ich keine solche Blaupause in mir. Der Klang, den ich höre, ist rissig, ganz glatt. Ich höre ihr Ach und Weh.

Sie schweigen jene Zeit tot. "Was ist", frage ich. Sie schliessen die Augen, dämmern auf Couchen vor sich hin. Widmen sich fieberhaft der Wiederinstandsetzung. Die Zimmer liegen voller Menschen. Ich ziehe ihnen die Augenlider hoch. Wo sind ihre Augen? Was tun Augen, wenn sie geschlossen sind? Oft sehe ich nur das Weiss des Augapfels, manchmal die Pupille, die sich durch den plötzlichen Lichteinfall zusammenzieht. "Lass das", sagen sie. Die Zeit meiner Geburt und meiner wortlosen Erinnerung besteht nicht. Das begreife ich erst, als meine Kinder, als sie dann über Worte verfügen, mich immer wieder fragen, was in der Zeit vor ihren Worten war, wie sie waren. Aus Brennholz schnitzt mein Vater Handpuppenköpfe: "Die Toten, die Toten, die haben weisse Pfoten, sie haben an ein weisses Hemd, die Unterwäsche ist ihnen fremd!" Das lässt uns den Hunger und die Kälte vergessen, eben. Abends im Bett spinnen meine Schwester und ich uns in normale Familien ein. Unsere Männer haben gehobene Positionen, unsere unartigen Kinder werden am 6. Dezember von Knecht Ruprecht in Säcke gesteckt und in die Hölle abtransportiert. Dort reisst man ihnen die Kleider vom Leib, peitscht sie aus, zerhackt sie und schmeisst sie in siedendes Öl, bis ihnen Hören und Sehen vergehen, um sie rechtzeitig, geläutert und perfekt wieder zusammengefügt, zu Weihnachten zu entlassen. Zur Bescherung, dem Riegel Schokolade aus dem Carepaket, den wir ihnen als Weihnachtsmann und Christkind gönnerhaft lächelnd geben und gleichzeitig geläutert lächeln und knicksen, zum Glöckchen am Weihnachtsbaum und Stille Nacht, Heilige Nacht und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

Ich sehe verfallene und geblakte Häuserfronten, verfallene und geblakte Gesichter und Leiber über geducktem und verrenktem Leben. Nicht nur die Stätte, auf der wir uns befinden, liegt in Trümmern, auch ihr schützender Schatten. Die Schatten der Menschen sind nicht weniger gespenstisch. Man betäubt sich, wie man es immer tut. Wir wachsen im Zeitalter der Krüppel unter vorgehaltener Vollkommenheit auf. Die Haut wird schnell wieder glatt. Dann fängt sie an zu glimmen. Auch die meiner Grossmutter. Als mein Vater sie 1946 zu uns holt, ist sie ein Strich. Dann kommen die Kartoffeln. "Oma", sage ich, "wenn das Kind kommt..." "Oma bekommt kein Kind, Opa ist tot." "Was hat Opa damit zu tun? Und Maria?" "Daran darfst du nicht rütteln, glaube!" Sieben bin ich. Wenn sie einschnappt, sagt sie tagelang kein Wort, setzt sich nicht zu uns an den gedeckten Tisch, streift aufgequollen, mit roten Flecken im Gesicht, schwarzem Kleid und weissem Kragen uns Essende. Ihr Umfang ist stark. Unter ihrem immer wiederholten wässrigen "Ihr lasst mich verhungern!" - diese hängende Lippe werde ich nicht mehr los - stochern wir auf unseren Tellern herum, stecken das Fleisch in den Mund, schlucken runter. Als mein Vater die Mädchen nur zur Mittelschule schicken will, setzt sie sich für uns ein. Sie ist noch, wenn auch dem Gesetz nach nicht mehr, Leibeigene gewesen. "Bleibt ihr sitzen, nehme euch von der Schule", droht mein Vater.

In Heidelberg werden Flüchtlinge und Umsiedler in Wohnungen gepfercht, die die Stadt im Schatten des Gaskessels für sie bauen lässt, 1953. Sie stehen noch immer da. In den Baracken am Anfang dieser Strasse, einer Mulde, gibt es, als wir und wie wir viele andere in der Bundesrepublik umgesiedelt werden uns einen zweiten, einen besseren Start zu ermöglichen, kaum einen Mann. Die sitzen. Der Anfang der Strasse heisst im Volksmund 'das Loch'. Flüchtlinge sind Verbrecher. Immer sind Flüchtlinge Verbrecher; wo sie herkommen, wo sie hinkommen. Der Gaskessel ist jetzt abgerissen, im Loch stehen Steinbaracken. Die Strasse atmet noch immer Misstrauen aus. In unserer winzigen Dreizimmerwohnung, in der wir gegen Ende unserer Zeit da mit der frisch aus der DDR geflüchteten Familie der jüngsten Schwester meiner Mutter zu elft wohnen - zwei Väter, zwei Mütter, sechs Kinder im Alter von vier bis neunzehn und unsere Grossmutter und im Sommer noch ganze sechs Wochen Grosstante Lotte, die Souffleuse - wohnen jetzt die Zigeuner. Damals stehen ihre Wagen auf unserem Hof. Oft klopfe ich bei ihnen an. Im Herbst 1959, ein halbes Jahr vor meinem Abitur, sagt mein Klassenlehrer: "Die Flüchtlinge sollen sich kuschen, insbesondere die Berliner, sollen froh sein, dass sie hier überhaupt geduldet sind." Ich protestiere. Mein Vater stellt den Lehrer zur Rede. Der fragt ihn, ob das so kurz vor dem Abitur nicht riskant sei.

Göttingen wird befreit, von Amerikanern. Ich habe nie etwas anders gehört, als dass wir befreit wurden. Erst später. Frauen verbarrikadieren sich kreischend in Kellern. Man kreischt, wenn man befreit wird. Das Dröhnen endloser Reihen schwerer Wagen. Dann ist es still. Die ersten, die die Häuser verlassen, sind alte Männer und dann wir Kinder unter acht. Eine stille Parade, Jeep an Jeep. Die Männer in den Jeeps lächeln uns zu. Kilometerlang. Geben uns Schokolade, Chewinggum. Streicheln uns die Köpfe. Dann kommen die grossen Brüder und Schwestern und Neffen und nehmen sich ihr Teil. "Ich piesacke dich bis zur Vergasung", sagen die grossen Jungen. Ich sehe meinen ersten Schwarzen. Im Weiss jenes Winters gibt es Graugesichtige, die reglos unter Bäumen stehen, den Kopf beinahe auf der Brust; ihre Füsse erreichen den Boden nicht. Hier gibt es Schwarze in Jeeps. Witwen jammern, manch eine schmeisst sich an den ersten Männerhals. Junge Mädchen bekommen Kinder und haben keinen Mann. Berliner machen sich dicke. Weihnachtsfeiern. Schwarzmarkt. Ehemalige Parteianhänger hängen sich während der Entnazifizierung in ihren Gärten auf. Auf endlosen Regalen in Kellergewölben verschimmelt eingemachtes Obst von vor dem Krieg noch. Wir spielen unter der alten Gerichtslinde, hören in ihrem Schatten die Stimme Wotans durch die Blätter rauschen, singen "Oh, Heideröschen" ein paar Schritte von der Mauer des jüdischen Friedhofs entfernt. Wir klettern über die Mauer. Jener Friedhof ist still und verwildert. Niemand kommt um die Gräber zu versorgen. An seinem anderen Ende stösst er mit seiner Mauer an unseren Friedhof. Auf dem liegt meine in Wien geborene Urgrossmutter, eine Schauspielerin, ihr Budapester Cousin, ein Cellist.
"Was sind Juden", frage ich.

Der Milchmann, Herr Gottmann, ist Clown, sagen sie, Musikclown. Seine Frau trägt in spärlicher Bekleidung die Nummern der Auftritte durch die Piste. Das erste Beinahe-Revue-Girl, das ich zu Gesicht bekomme, ist alt, sein runzliges Gesicht fällt in einer Hautschluppe aus seinem Rahmen. Es trägt ein Dekolleté. Anna. Meine erste Piste, die ich betrete, ist ihr Milchladen.
Ich stecke mein Gesicht in dampfendes Brot, es macht mich irr. Endlose Litaneien unter den zum Brechen und Husten reizenden Schwaden des Weihrauchs dröhnen durchs Kirchenschiff: ora pro nobis. Dieser oder jener wird trotz allem doch noch gegen Ende ins Gas geschickt. 'Trotzallemdochnoch', wo liegt das?

Unter dem von meinem Vater angestrebten rein gezeichneten Leben schwelt es. Ad absurdum verschwören wir uns diesem rein gezeichneten Leben. Beichten, erhalten die Absolution. Es gibt Fortschritte in der Herstellung von Prothesen. Sie sind beinahe nicht mehr von echten Gliedern zu unterscheiden. Sogar den Phantomschmerz schliessen sie, später dann, kurz. Die Bezüge der Federbetten werden gestärkt und geplättet und für die Parade des Tages mit einem Besenstiel glatt gestrichen. Es gibt Kissen, die Paradekissen heissen. Sie werden nie benutzt. Die Normalität verschlingt uns. Die langen Sonntagnachmittage, an denen wir die heile Familie in Szene setzen, mit 'Mensch ärgere dich nicht', 'Fang den Hut', 'Doppelkopf', 'Rommee', 'Canasta'. Es gibt kein Entweichen aus dieser reinen Normalität in Sonntagskleidern, die wir im Sitzen nicht zerknittern dürfen, zwischen Kaffee und Kuchen und Abendessen. Nur das Klo. Das Ziehen der Karten ist während Stunden die einzige Bewegung. Wir stürzen uns auf sie. Manchmal färbt sich das Gesicht eines Verlierers rot. Jede Andeutung von Dekolleté wird mit Tüchern bedeckt. Der Anflug eines Lidschattens bringt uns ein zischendes 'Solch Eine' ein. "Die Leute sollen wohl denken, dass unsere Tochter 'Solch Eine' ist." Wir veressen, verschlafen, verspielen den lieben langen Sonntag gemeinsam. An den hohen Feiertagen verlassen wir den Tisch fast nie.
Diese Normalität, die nur Ruhe will, nirgends anecken, nicht angeeckt werden will, ist zäh, unerbittlich, verstümmelt das Herz: ist Grenze. Und jedes Mal, wenn ich sage: "Es schmerzt mich", sagt mein Vater: "Was weisst denn du von Schmerz!" Wir haben keinen Schmerz zu haben, haben keinen Schmerz.

"Wer die Hand gegen Vater und Mutter erhebt, dem wächst sie aus dem Grabe." Tag für Tag streife ich über die Friedhöfe, erst den unseren und dann, auch wenn es verboten ist - "Lass sie ruhen!" -, über den jüdischen. Nirgends sticht auch nur eine Hand aus einem Grab.

Da sitze ich mit unseren Töchtern auf der Treppe. Wir schauen uns an, was ich mit meinen Zeichnungen, meinen Radierungen anhand von Schulz Texten finde. Ich will, dass sie wissen, was in dem Zimmer, dem Raum, durch den sie rausgehen und reinkommen, in dem wir essen, vor sich geht. Die ältere ist nahezu zwölf, als ich gegen Weihnachten 1977 dann aufbreche, die jüngere sieben. Ich frage sie: "Was fühlt dieser Mann? Wie fühlt er sich?" Sie bringen ihren Leib, ihr Gesicht in die Position der von mir Gezeichneten, tasten den Leib ab, sagen mit schiefem oder sabbrigem Mund, mit geschürzten Lippen, wo es sie presst. Laufen auf meine Bitte hin so. Wir lachen Tränen. Sind still nur. Reiben uns unsere Gesichter wieder heraus. Aus beiden kommt purer Schulz, in ihren Worten. Sie haben ihn nicht gelesen.

Mit dem Theater setzt eine weitere Phase ein.
Ich muss meine Gestaltung aus der Zweidimensionalität des Blattes heraus in die Dreidimensionalität des Raumes schaffen und in Bewegung setzen. Mit Maschendraht, Gaze und weissem Acryl fange ich an die Bewegungen in Gesichtern und Leibern in ihrer räumlichen Begrenztheit zu erfassen. Die Menschen nach Menschen, die so entstehen, haben keine Knochen, haben Unterhautrahmen aus Maschendraht. Um ihre Standfestigkeit zu garantieren, stütze ich ihre Knie- und Fussgelenke, ihr Kreuz mit extra Lagen ab. Damit die Schultern die Arme tragen können, ziehe ich Schulterblätter ein. Dann spanne ich die Haut darüber und verklebe die Nähte mit dem weissen Acryl. Die Beschaffenheit des Materials stempelt sie zu Riesen mit weisstransparenter fleckiger Haut. Ihre Schatten sind, abhängig vom Lichtfall und der Stärke des Lichts, von veränderlicher Plastizität. Rotes Licht färbt auch die Schatten rot. Die ersten zwei, erst die Frau und dann der Mann, stehen selbständig und je auf zwei eigenen Beinen. Noch versackt der Unterhautrahmen wie die Knochen bei alternden Menschen. Irgendwann liegen sie auf der Nase. Ich reisse die Haut wieder auf, versteife Gelenke und Kreuz endgültig. Die dritte tanzt und schwingt mit den Hüften, ein Standbein, ein angewinkeltes. Sie kann nicht stehen. Will ich diese sich Bewegende nicht nur herumliegen lassen, muss ich sie entweder auf eine Hellebarde spiessen und auf einen Untersatz montieren oder aufhängen. So entstehen noch zehn Figuren. Ich hatte an bunte Figuren gedacht. Sie brauchen keine Farbe. Schliesslich hänge ich sie auf wie die Graugesichtigen damals im Winter; zunächst nur, weil sie im Wege liegen.
Um in Bewegung hineinzuwachsen zeichne ich Ballett. Das tue ich schon seit 1973, seit ich mit unserer älteren Tochter einmal pro Woche Ballettstunden nehme. 1985 fange ich an das Nationale Ballet beim obligaten täglichen Training zu zeichnen. Einmal pro Woche darf ich kommen. Ich zeichne fast ohne aufs Blatt zu schauen. Je schneller ihre Bewegungen, desto geballter, nahezu statisch, die Leiber, die, nahezu still dann, im Adagio aus sich heraus fliessen. Ich sehe, dass, wenn Ballung und Stille nicht bis in die letzten Fasern gelebt werden, die Bewegungen hohl und hölzern sind, Flug und Herausfliessen nur Gesten. Eine Marionettenhaftigkeit, die die Leiber zerreisst. Die Rissstellen sind sichtbar.

Die mir zur Verfügung gestellten Mittel sind gering.
Ich muss das Stück übersehen können. Mein 'Karneval - das weisse Gesicht' wird ein Monolog unter jenen Menschen nach Menschen. Die Verdichtung des Prosatextes legt Geschehen ohne zeitliche Bindung aufeinander. Lage schimmert durch Lage wie bei der Malerei. Noch weiss ich nicht, wie jemand diesen Karneval bringen könnte. Noch mit keiner Faser denke ich daran es selbst zu tun - oder doch? Das Urteil meines Vaters, die Körperlichkeit stellt äusserste Anforderungen und in Holland spricht man Holländisch. Jedes Mal, wenn ich perfekt Holländisch sprechen muss, belegt Angstschweiss die Worte in meiner Kehle mit schwerem deutschem Klang.
Es selbst zu tun, bedeutet für mich, unter und aus meinen Worten heraus zu lebender Form zu kommen. Um mich herum meine Menschen nach Menschen: meine Gegenüber, meine Verbündeten. Ich selbst bin Material und Einsatz. Drei Monate sind uns gewährt. Ich kenne noch nicht einmal das ABC. Ich erfahre, wie viele Muskeln, wie viele Wissensgebiete und Anlagen der Mensch ungenutzt lässt. Wie diese nicht durchströmten Gebiete seinem Gang eine sichere Steifheit verleihen, ihn erschweren, zur Abschottung eingesetzt werden, der Muskelkater sich vor weiteres Bewegen aufwirft. Und hinter jeder überwundenen Barriere liegt eine weitere. Mit brennenden Schmerzen kehrt das Leben in abgestorbene Gliedmassen wieder. Es gibt Durststrecken. Mir wird eine zweite Runde gewährt. Schwer ist der Gebrauch der Stimme. Malen und Schreiben geschieht nahezu autistisch. Der Klang der Stimme zerreisst einen, kommt jedoch nicht über die Lippen. Immer wieder sacke ich in eine sichere glättende Monotonie ab, muss mich da herausreissen. Ich erfahre, dass Schminken, abgesehen vom Anlegen der Farbe an sich, Waschung ist. Ich wasche mich weiss. Jede Spur muss aufs Neue gelebt werden.
Ich schlucke meine Worte.
Sterbe ich an meinem Tun gemäss meiner Worte, ist es Selbsttötung. Meine Stillen, mein Lachen, meine Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit, Ohnmacht - der Zuschauer ist Zeuge, ohne Trennwand.

Kunst ist Wissen Schaffen, ist aktives Gegenüber, aktiver Verbündeter; spielt sich nicht in verbal rational erfassbaren Räumen ab, auch nicht, wenn Sprache das gebrauchte Mittel ist.
Kein Gesicht, keine Gebärde, keine Form kann schliesslich über die wahren Verhältnisse hinwegtäuschen.
Alles, was es gibt, macht uns zu Zeugen, zu Mitwissern, zu Komplizen.
Kein System, kein Glaube, keine Vergangenheit, keine Zukunft nimmt uns die eigene Entscheidung ab, rechtfertigt unser Tun und Lassen dem andern und uns selbst gegenüber.
Mit allem, was wir tun oder lassen, zulassen oder abweisen, mit jeder Gebärde, jedem Wort, jedem Gedanken schon, schaffen wir mit an Voraussetzungen kommender Formen, in denen das Leben sich weiter entwickelt.
Mit jedem Schritt betreten wir - alle und jeder - ein anderes, ein neues Kräfteverhältnis. Das zeichnet sich uns wie auf einer Karte gleich ein.
Eines jeden Kampf spielt sich an seinen Grenzen ab.
Sehen und also Wissen lassen sich weder abgrenzen, noch zugestehen, liegen vor jeder Moral, vor jeder Religion, vor jeder Philosophie.
Kein Wissen lässt sich auf ein Parallelgleis abstellen, sicher verwahren, in die Hölle stürzen, oder in Fegefeuern lautern, damit alles gut sei.
Wissen muss dauernd aufs Neue erworben, der Prozess dauernd aufs Neue angegangen werden. Wissen Schaffen und Leben sind keine voneinander zu trennenden Entitäten.
Sehen und Wissen an sich ist nichts. Was zählt, ist was wir damit tun, wie wir uns - alle und jeder - persönlich dazu verhalten, wozu wir es und uns einsetzen oder hingeben.

 

Ein Epilog

"Wir schliefen in jenen Tagen unaufhörlich Tag und Nacht und holten die verlorene Zeit nach." (Bruno Schulz 'Der Komet')
Zeit, Leben, lässt sich nicht nachholen.

"... In der dunklen Wohnung wachte lediglich der Vater, Archivar in der grossen Registratur des Himmels, der leise in den Zimmern voll harmonischen Geschnarches auf- und abging. Von Zeit zu Zeit öffnete er das Kamintürchen und schaute lächelnd in die dunkle Tiefe, wo in lichten Träumen ein ewig lächelnder Homunkulus schlief, eingesperrt in eine gläserne Ampulle, von einer Fülle strahlenden Lichtes wie ein Neon umflossen, schon abgetan, abgezeichnet und zu den Akten gelegt." (Bruno Schulz, 'Der Komet')
Hinter schützender Scheibe, lächelnd, Zuschauer und doch nicht dabei, gerettet, das Däumchen im Mund, im wohligen Rausch gegorener Birnen - von sicherem Alter an, lassen wir sie lieber erst gären -, rein im Blute, das von aussen gegen die Scheibe spritzt. In der Hitze jenes Sommers schmilzt das Glas, birst. Homunkulus wird im Feuer, das aus unserem Himmel fällt, unter Trümmern der Freiheit preisgegeben.

 

Ostern 1991

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