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MORGEN WUSSTE ICH NICHT WEITER

2. Fassung © Sabine Vess

ich hatte gehört, die Erde sei tot

manche standen auf. manche
gingen an andere Orte.
das heisst noch nicht aufgebrochen zu sein.

gepresste Leiber,
Gesichter unter Lächeln.

sprichst, sprichst,
zerrst das nackte Gesichter hinter Wörter.

Geburt wirft zu Boden wie Liebe, wie Tod. Sperma, Blut tränken die Erde, schwängern den Raum, zeugen Schreie, Tränen, Worte, pressen die heiss sich erbrechenden berauscht zurück, schwängern den Kampf, treiben ihn voran - manche erliegen -, lassen schorfige Wunden berstend sich öffnen.

rückwärts krieche ich aus harter Berührung, dass es mich nicht noch einmal ermüde, mich, zurücksaugt, der Masse hinhält, die unersättlich Wehen frisst.
"dieser Anblick", sagen sie.

überall tote
Körper. der heisse
Wind, es ist schon Mitte September. die
Hitze kam spät dieses Jahr.

suppende rostige
Erde,
dein Klopfen. dieses
Aufgebäumtwerden und
Fallen der von dir erbrochenen, von dir nicht mehr aufgenommenen Leiber.

ich hatte gehört, die Erde sei tot.

ich lege mein Ohr auf die Wunde,
suhle den Leib
in dem Rost. wer hätte je solche
Hitze vermutet.

monotone Stimmen, unlogische Pausen, die roten Dächer. die Schlachtfelder, vorgerückt in die
Städte, verunzieren die Strassen. wir
fressen die wehe Luft,
fressen,
fressen, erbrechen uns.

hockt da, so schön,
lächelt.
"komm", sagt er, streckt ihr die Hand hin.
nur dieses Lächeln,
gleich bleibendes
Lächeln.

ihre blossen Leiber sind die Trommeln, ihre
Hände und Finger die Trommelstöcke.
ihr rhythmisches
Klatschen
treibt sie
voran,
zerschneidet alles andere Kommen,
schlägt Wunden in klaffende
Wunden.

heiss fegt's durch die Strassen. die halb
Verschlungenen, halb wieder
Erbrochenen voller Schorf
mit teilweise versengten
Gesichtern - einer erhebt sich, wir binden ihn.
Tote sollte man binden.
immer.
sofort.

hier leben, macht vieles abgetan. neue Stille
entsteht. Worte, weit weg noch, tonlos. das

wieder Aabnehmen des zugestandenen Raumes durch die Machthaber geschieht subtil. Einwände sind
nicht möglich. sie sprechen von ausserordentlicher Gnade, sagen, die Stätte der Menschen läge doch höher.

die Leiber sind ausgebrannt, nicht nur die
Züge.
wir besteigen diese Ausgebrannten,
dringen mit vor Panik wahnsinnigem Rhythmus in sie
ein, führen sie uns ein,
schlagen,
würgen.

furchtbare Klage vor Kommen, wonach niemand weiss, was sein wird.
Leiber, gelähmt vor Ungeheuerlichkeit,
zerstückelte Leiber, erdrosseltes Kommen,
trockene Lippen,
Ahnung von Zittern. manche legen selbst Hand an sich, versperren den Weg.

schwankt, singt mit sanfter weiter Stimme,
grölt, wirft sich auf die Knie, erhebt die Arme,
sinkt zu Boden,
krümmt
sich,
schnellt
hoch. die Stimme erstirbt.

wir. nichts. das Haus hast du vergittern lassen.

wie Panzer wälzen sie sich durch die Strassen, die entfesselten Geschlechter zwischen den Schenkeln, Blut und Sperma im Hirn, entlang den rot beleuchteten Fenstern. für Huren gibt es kein Ladenschlussgesetz.

das sich Anhäufen nicht gelebter Trauer in Mauern, an denen sie sich - das ihr entspringende
Klagen - sich bricht.

wir sind den Kräften des Raums ausgeliefert, in dem wir uns befinden. aus dem, der einen Schritt davor lag, sind wir auf die Schwelle dieses geraten. der jeweils eigene Spielraum ist das von unserem Schritt gedeckte, zu Raum, Raum in Raum, erhobene Pflaster. alle anderen sind nichts, als mehr oder weniger garantierte Möglichkeiten.

"du brauchst Wärme, eine Hand, die über deine Haut fährt, 600 Stunden, Tage, Wochen, Monate. ich sage dir nur guten Tag." Tag und Nacht fahren wir hin. Tag und Nach wieder her. "deine Schultern. ich wollte diese Schultern für immer umfassen. lehne deinen Kopf an mich an. tue es. heule.
ich liebe dich."
"ich weiss."
"du weisst?"
"ja."
weisse Birkenstämme, dunkle Kiefern, Dünen, sachter Teppich brauner Nadeln und Blätter. heisser Wermut. September. die brennenden Augen. der dröhnende Kopf. er fährt über meine Züge, drückt seine heissen Finger auf die Glut meiner Augen.

schwankt, singt sanft, grölt,
fällt auf die Knie, erhebt die Arme.

das zerrissene
Gesicht,
der magere
Leib liebkosen das Pflaster.

Gliederketten knirschen durch Strassen. seit ich gestern diese Stimme hörte, aus dem
Rumpf mit dem einen
Arm, dröhnt ihr Grauen in mir. die besudelten Fassaden werfen schallend das
Knirschen zurück. das trifft auf das nachkommende Glied, vermischt sich mit dessen
Knirschen. ich hatte jenes Land verlassen.
das Niederwalzen des eigenen Fleisches und Blutes, dass das
Nest rein bleibt.
Angst
einjagendes
Nest. wie sollte da aufkeimen, Frucht tragen, aufbrechen.

mein Leib nimmt die Seele mit zu dem
Grab in mir. sie stellt sich neben mich wie immer dann. ich ziehe sie zu mir in den klopfenden Schlamm,
der Leiber aufnimmt,
Leiber erbricht.

du ekelst dich.
ich tauche dich unter.
du erbrichst dich.
ich tauche dich unter.
wir erheben uns wortlos.

Tag und Nacht rinnt Wasser aus meinen Augen. und dann das unbändige Lachen. alles ist furchtbar weit.

deine Narben und Furchen,
gestutzten, immer wieder dir selbst gestutzten
Fittiche.

auch der Junge, den ich liebte, war alt.

dieses meist leere Haus.
"komm", hattest du gesagt.

das Haus, wie in Eile verlassen, Schritte, Wörter,
Lachen, irgendwo noch, unter, neben, über mir.

Gelächter.

menschliche Landschaft, dein Durst, deine
Oasen, Zittern vor
Furcht.
Stampfen der gestampften Erde, irre
Kelter. die Nacht ist vorbei.
ich stehe auf,
gehe.

dich erkennen ist eines, dich
durchwandern, unsäglich weiter. in

Schutt und Unrat werden gleichgültig uniforme
Fassaden hochgezogen, vor grauen aufeinander gestapelten
Betonkartons. junge
Frauen mit Gesichtern, die alles schon gehabt haben, schieben
Kinderwagen, halten Mädchen an groben Händen, schelten
Jungen, schlurfen. die Unterlippe kann die aufgedunsene Völle nicht tragen.
Spitzengardinen,
Topfblumen. junge
Männer mit hohlen Gesichtern hinter beschlagenen Scheiben. durch die
abgestandene Luft im Treppenhaus. im schwarzen Raum baumeln
weisstransparente Körper:
Menschen nach Menschen. auch den letzten Lichtschlitz verkleben wir.

wir glauben, wollen glauben und
wissen mit dem ersten Blick, ummauern die Unruhe, sagen: "wir sind sesshaft."
geben unseren Worten steinerne Fundamente, erhöhen die
Mauern, bessern sie aus. es gibt kein Anrecht, kein
Recht haben auf; mehr weiss ich nicht. Züge kreischen.
und an jeder Kreuzung die
Altäre, Versprechen auf gedeckte Tische, Essen, Trinken, ewiges Leben.
wir sind nüchtern,
knien im Staub der Strasse unter schwerem Weihrauch, Gesang und Donnerworten.
betäubt vor Nüchternheit,
vor Hunger unter der
Nüchternheit, sollen wir Frieden
erbeten,
erbeten Frieden. werfen uns nieder vor dem, der Herr über das
Brot ist, vom Weg spricht, von Wahrheit von Ewigkeit zu Ewigkeit.

die Pilger, die damals einsetzt, durch Häuser,
Städte, die wir immer zu verlassen haben, ist ohne
Ankunft. an jeder Kreuzung stehen zurückgelassene
Koffer, manche noch nie geöffnet.
irgendwo nehmen wir einen an uns.
irgendwo setzen wir den, den wir tragen, ab.
weg von dem Grab, das den einen verschlingt, den anderen auswirft, dem wir nicht
entkommen können. wir tragen es in uns: einziger Altar.

der erste gedeckte Tisch wirft sie zu Boden.
"Frieden", sagen sie, meinen Brot (dass das die Normen des Herrn des Brotes bedeutet...), Brot ohne Blut.

"Frieden", sprechen wir ihnen mit dünnen Stimmchen nach.

sie sind erschöpft.
gehen um die Haut und die ihrer Kinder zu retten.
weg, nur weg. in ihrem Namen fängt an zu geschehen.

sie opfern den Namen,
geben ihn auf und hin,
geben sich auf und hin um zu entkommen.

morden kalt,
negieren,
negieren weiter - Negation birgt den Ansatz neuen kalten Mordes -
wollen es nicht wissen.
nehmen bei, nicht in sich auf.
nehmen sich nicht in
sich auf - um ja nicht weiter zu können?

der Name ist nichts ohne Mensch, der Mensch nichts ohne Name. sie haben nur diesen. kalter Mord strahlt von ihm ab. sie decken den Tisch. brechen nicht weiter auf. das dumpfe Tropfen der suppenden Erde in sich decken sie ab: nichts, es ist nichts. wo waren sie gewesen? wo sind sie?

die Hülle nährt sich nicht vom schwarzen Verlangen von jenseits der Gräber. graue harte
Erinnerung bleibt. dem Massengrab in sich bezeugen sie keine Trauer.
Millionen unbetrauerte Toter, kalter
Leiber voller geronnenen Blutes und Auswurfs vererben
sie schweigend. manche
waren noch warm gewesen.
nie hat ein
Mörder sein Opfer betrauert.
nie ein Opfer seinen
Mörder verlassen,
nie ein
Mörder den, den er dann doch nicht getötet hat.

sie kehren mit uns, ihr Fleisch und Blut, die wir ihr Blut ihr Fleisch aufwühlten, sie öffneten, zurück zur Normalität - was ist das?

Fleisch gleich Brot gleich Menschenkind in Monstranz.

wir knien vor dem Gefangenen,
erheben diesen Weg,
diese Wahrheit,
dieses Leben,
den von Ewigkeit zu Ewigkeit weissgewalzten Menschen in uns,
erheben ihn in seiner Gefangenschaft,
knüppeln ihn
nieder mit eben dieser Gefangenschaft: dem goldenen Strahlenkranz.
wir sehen nur die funkelnde Monstranz. wollen Monstranz, glänzend, schön sein,
zahlen jeden Preis,
beleihen das Leben hoch,
prellen es.
schleppen den zerquetschten verhöhnten
Menschen in seiner Monstranz
durch blumenbestreute
Strassen, stellen ihn, die Monstranz, auf den Altar. knien nieder.

"komm!", sagt der Herr.
"schau!", sagt der Herr, "wenn du angesichts meines Buhlens, meiner
Kopulation mit all jenen, dem Hören ihres Gesangs, ihres Ächzens und Stöhnens, der
Zuckungen ihrer feuchten Leiber, eingedenk deiner nichtigen Zeitlichkeit... du!"

das Rot, so lange weiss zusammengepresst, durchsickert mich warm. der Leib nimmt die Seele, die sich wie immer dann neben ihn stellt, zieht sie mit sich in den aufquellenden Schlamm. Seite an Seite atmen wir die salzige Wehe. "steh auf", sagt der Leib. wir stehen auf. gehen, dumpf noch. wie viele Massengräber bergen wir in uns, übereinander getürmt, ineinander versackt, seit Anbeginn vererbt.

jetzt weiss ich, dass Angst die Stimme glättet, sie jeder Tiefe beraubt.

wir sind nicht fähig weiterzuziehen, dieses Jahr nicht, schlagen das Winterquartier auf, noch ehe der Frühling beginnt.

Frucht, zur Entfaltung gekommen, aufgebrochen in Kälte, auf geschlossenem Grund...

die Bettler werden aggressiv.

weites Schweigen herrscht zwischen uns. ich schaue dein glattes Gesicht, das sich voller tiefen Entsetzens in eine wüste Ruine verwandelt.

"spielen Sie dieses Spiel nicht mit. Sie verlieren es immer!
bleiben Sie nicht stehen!
schauen Sie es sich nicht an!
gehen Sie weiter!"

in offenen Fenstern knutschen Zuhälter ihre Nutten ab.

Angst läuft in Reih und Glied, im Kreis, entlang der Mauer.
mordet in Reih und Glied,
vergewaltigt. bei manchen läuft die Mauer quer durchs Wesen.

in diesen unsichtbaren Mauern, die wir nicht von selbst sprengen können, wollen, drücken wir uns fest an jene Mauer, werden Mauer. jedem Schwellen des Fleisches, jeder Flucht der Gedanken, folgt ein Verschärfen der Kontrolle, ein Verstärken, Erhöhen der Mauer.

Haut über eingefallenen Wangen, pergamenten gespannt, liegt er da auf dem Rücken, den Mund ein wenig geöffnet, die Augen zu. früher bestattete man die Toten oberhalb der Stadt, jenseits ihrer Wälle. das ist lange her. jetzt bleiben sie unter uns. liegen in den Gassen, sitzen auf Bänken. jeden Morgen kommt der mit den nach vorn gestreckten rot lackierten Fingernägeln vorbei, tänzelt, schüttelt den Kopf.

ihre wunden
Hände. Singsang, ständiger
Singsang aus ihnen.
sie legen sich die Hände auf den Leib. ihre Lippen
zucken.

Apparate aus den Idealen von gestern bestimmen über das, was auf der Schwelle zum Morgen steht, stutzen die Flügel noch vor dem Ansatz zum Flug. die Zukunft ist als Vergangenheit verplant. nichts steht mehr offen.

wir nehmen dem Menschen so viele Verbindungen, dass er sich nicht mehr von der Stelle rühren kann ohne in sich zusammenzufallen. wir töten ihn nicht. nein.

als er in mir gestorben war, ich ihn in mir begraben hatte, ging die Ära meines Vaters zu Ende. wir hatten sie schon vererbt.

ich schleppe den Leib auf die Strasse. manchmal nimmt einer den Leib, ringt sich zwischen die Schenkel.

endlose Müdigkeit hat die Menschen befallen. am Morgen stehen sie auf, streifen sich die Kleider über, stopfen Brot in den Mund, schlürfen Kaffee, machen sich auf. manche essen unterwegs. viele schafft der Zug weg. es regnet schon tagelang. manche Stellen ihrer Leiber sind dumpf, schimmlig. rote, gelbe, orange Pünktchen quellen auf. all die Gesichter, die keine Züge mehr zulassen. der Rückstau ist tödlich. wir verrecken am eigenen Leichengift, trinken um die Müdigkeit zu vergessen, ihr eine nahe Ursache zu geben.

"nein, wir töten Tote. solche, die es gemäss unserer Regeln nicht gibt.
nein,
wir sperren sie ein, Töten ist unwiderruflich. arme Irre. wir
lächeln ihnen bedeutsam, mitleidig zu.
streicheln ihnen die Wangen,
tätscheln ihnen die Hintern. Gott im Himmel! dann
gehen wir über zur Tagesordnung. niemand ist dankbarer als diese armen Irren. ihre
Dankbarkeit
ist das sicherste
Gefängnis. sie
küssen uns die Hände in klebriger Anhänglichkeit, leisten alle nur denkbaren Dienste." dieses
Lächeln,
Streicheln der Wangen,
Tätscheln der Hintern.
"Tudelu!" eine Kusshand.

trinke, bis ich die Betäubung spüre. der Rausch verfliegt. in der Hand die eigene Brust. sie ist warm. und da der Mann, der jeden um Geld bittet. und der, der zwei Gehirne hat.
stehe, tanze, in der Hand die Brust.

tanzt bis sie umfällt, dies idiotische Lachen.

es gibt nichts zu beweisen. es gibt keine Hoffnung. nur das mich Öffnen vor aller Augen. jetzt. kein Zurückziehen mehr mir die Wunde im Stillen zu lecken. das leibliche Verlassen der stillen Anklage bedeutete nicht die Anklage an sich verlassen zu haben. überall Blicke. Sie töten.
schreie
nächtelang.
irgendwann kann ich den Wahnsinn des dauernden Verlassens, Verlassenwerdens nicht länger ertragen, zerschneide die Wehe.

dein Gesicht, deine Glieder so aufgedunsen, deine feuchte Lippe. stehst da im kalten Licht, inmitten der Menge.

nicht, dass irgend jemand tatsächlich zuhört. irgendwann während einer Atempause hakt er ein, bringt den eigenen Gesang. wir haben dann gelernt auch während des Ausatmens zu sprechen.

das Ende des Winters ist noch lange nicht in Sicht. auf den Kalender ist kein Verlass mehr. wir feiern unseren Karneval. Bewegungen erfrieren. Leiber springen auf. im Festzelt erdrückt man sich. es herrscht eine Zeit, die nirgends hingehört. nichts reift, nichts wird mehr ausgetragen und dem, in dem reift, zerstören wir die Wehen, geben ihm das Messer, unterbinden jeden Kontakt zu ihm, denn jede Geburt macht uns zeitbewusst, jeder Tod auch.

nachts die Schritte. es müssen alte Schritte sein. Menschen hatten hier gehaust. und dann
Licht,
Schatten.
Stimmen,
Schreie, aufgepfropfte Schreie,
Getrappel von Füssen.
Scharren von Füssen, die zu sitzenden Leibern gehören, das Abwerfen von Kleidung.

gelb, weiss. Gelb, helles Gelb, beinahe weisser
Ocker.
Rost. es ist kein Rot in dir. Weite grenzt an Tod. "du kommst von weit her", sagst du.

wo unsere stillen Zeiträume sich auftun, treffen wir aufeinander, immer das erste, immer das letzte Mal. wenn dein Blick keine Weite mehr birgt, bist du tot. in letzter zerreissender Weite halte ich deine Hände, wische die Perlen von deiner Stirn, kostbare Perlen. schaue die Ruinen, bevor sie für immer zerfallen. weit, trunken vor Nähe, gehe ich.

graue Stadt. eiserner
Himmel. Vögel fliegen vorüber.
nichts lockt sie an. Hausen in Häusern, die längst verlassen. jede Begegnung führt immer in
neues Nichts. weite Geschlossenheit. Kälte erdrückt im Mai. tanze vor leeren Bänken.

"es wird ein schöner Tag", sagt er.
"ich erkenne das", sagt er.
"wenn mich nicht alles täuscht", sagt er.

sie liegen im Bahnhof. sie greift an seinen Schoss. er nimmt ihre Hand da weg.

sie streichen einander über die maltraitierten ausgehungerten Leiber,
hatten das ganze Jahr
getanzt. manche können sich nicht mehr aufrecht halten. das Klavier. die Beinwärmer. die Tutus.

"verzeihen Sie, ist dieser Stuhl frei?" da steht nur noch der Tisch, der Stuhl, auf dem ich sitze.
sie wissen jetzt, dass ich niemanden erwarte.

unausgeführte Ideen sind Götter, sind nichts. mit nur Worten lässt sich dauernd bestätigen,
untermauern, nicht dabei sein.

Grausamkeit dringt durch die Augen, verankert sich im Fleisch, rinnt durch die Adern.
Liebe dringt durch die Augen, verankert sich im Fleisch, rinnt durch die Adern.

wir sind nicht imstande zu lieben, tun Gewalt an und dann tun wir mit unserer Aussage dem vorbeien Geschehen Gewalt an.

die Schwarze tanzt zur
Trommel.
manche laufen barfuss,
laufen, als hätten sie keine Knochen in ihrem Fleisch. die Arme hängen sehr lang.
erschrocken richten sie sich auf. manche
fallen.

Kokain zerfrisst die Nasen.
Heroin zerstört die Zähne.

die Schwarze tanzt zur
Trommel.

als du aus dem Krieg wieder zu uns kommst - zurückkommst, sagst du -, bist tot. dann lerne ich dich kennen. diesen Tod bei lebendigem Leib überwindest du nicht. die vielen Väter mit den Todesflecken im Gesicht. das schwarze Blut rinnt noch immer aus den Winkeln eurer Münder. Essen, Trinken richten eure Leiber auf, verleihen euch rechtes Aussehen.

deine Narben, deine Furchen, deine immer wieder dir selbst gestutzten
Fittiche.

stehst da, graue Haut über Knochen, kannst kaum noch laufen, der offene Fuss suppt,
sagst: "ich bin dein Vater. es ist vorbei. ich bleibe jetzt immer bei euch.
alles wird, wie es war." wo sollst du schlafen?

immer wieder sagt einer: "es ist vollbracht, vorbei" und: "ich bin dein Vater, ich bleibe jetzt immer bei dir. alles wird, wie es war."

 

wieder rinnt Wasser über die Wände, braune Rinnsale auf frischem Weiss. das Haus ist kalt und leer.

Paare kommen mir entgegen. ihre Schritte hallen von den herunter gelassenen Rolläden zurück. von halb sieben abends bis halb zehn morgens sind diese Strassen eisenvergitterte Schächte. "bitte", sage ich, gehe einen Schritt auf sie zu. sie wehren ab.

um sie herum die voll gepfropften Plastiktaschen. es nieselt. eine Flasche Bier. sie wiegt den zottigen Kopf. eine Doppelstulle. Röcke über Röcken, darüber der Mantel. er hat keine Knöpfe mehr.

"hast du Geld für mich?" sein Essen fischt er sich aus den Abfalleimern entlang den Strassen. nachts schläft er auf der Treppe der Börse. manche haben Eimer mit Deckeln. da können sie drauf sitzen.

ich gebe den Tagen ihre Namen nicht mehr. es wird nur noch hell und dann wieder dunkel. ich zähle die Tage nicht mehr. es gibt keine Zeiträume mehr, kein Aufbrechen mehr in andere, weitere.

wie viele sind auf einmal nicht mehr gekommen, kommen auf einmal nicht mehr. ihr Kommen, ihre Schreie. manche lassen, was sie mitbringen, liegen. irgendwann ist es weg.

"in diesem Haus gibt es, wenn überhaupt eine Geburt, nur Abschied oder Tod. der Tod kann dauern. ohne rückzeugenden Beifall bestehst du nicht. denkst du, dass du es schaffst?"
"du weisst, dass wenn diejenigen, denen wir die Totenmaske abnehmen, nicht wirklich tot sind, ihre Gesichtshaut sich mit dem Stearin der abzunehmenden Maske verbindet. danach sind sie immer tot. die serumsbenässten offenen Stellen in ihren Gesichtern. diese Masken sind Unika."
ich nehme dir die Maske ab. der Rost des Rots. schaue dich unverwandt an.
offene Stirn. die klebrigen Tropfen. du nimmst meine Hand, legst sie in die Tropfen: "fühlst du?" deine Hand an meinem Hals, bis hin in das sich Öffnen in Ruhe. "ich muss gehen", sagst du.

das Klicken der Tür.

die Spuren der Menschen Stationen entlang den Wänden, ausgebreitet auf den Bohlen, hängend, aufgespiesst. am einfachsten sind Totgeborene, diese im Schoss schon begrabenen Hoffnungen. Kinder, die weniger als zwölf Stunden leben, trägt der Standesbeamte nur ins Sterberegister ein.

ich gehe von Körper zu Körper, berühre die Körper bis in die Ruhe, lege mich zu ihnen bis an den Rand meiner Bewusstlosigkeit. erhebe mich, gehe mich schminken. wie oft waren wir so schon weg, tage-, wochenlang.

morgens der Nebel direkt über dem Boden. es ist erst Ende Juli.

die Züge der Jungen, die im Bahnhofsgelände lungern, glänzen. schier nahtlos verschmolzen, liegt geronnenes Blut neben fadenscheiniger Haut. die Leiber zerfallen. sie bieten diese zerfallenden Leiber an. Männer kommen, feilschen, nehmen sie mit, meist nach Büroschluss.
"wollen sie meine Schwester?" irgendwann sind sie nicht mehr da. andere warten schon auf ihren Auftritt. die Männer nach Büroschluss entzückt alles frische Blut. über die Brücke, die Strasse, nach rechts. gegen Abend schliesse ich das Haus wieder ab. am Morgen schliesse ich es wieder auf. gegen abend schliesse ich es wieder ab.

"immer steht sie auf einmal am Fenster. manchmal hält sie ein Glas in der Hand. ab und zu stehen auch andere da. an solchen Tagen sehen wir sie nicht. manchmal ist ihre Bluse, ihre Hose mit Farbe verschmiert; meist Weiss. mittwochs steht sie auch abends immer wieder da.
steht am Fenster, die Hand an der Kehle, in der anderen das Glas, die Lippen geschlossen. es ist Mittwoch, dämmert. die Hand löst sich, fällt von der Kehle ab. sie dreht sich um, verlässt das Zimmer. wir sehen nur jenes Zimmer. zwanzig Minuten. dann ist im Gang hinter dem Zimmer Licht. dann ist es wieder aus. sie steht wieder da, schwarz im Dunkel. im Winter herrscht das Dunkel schon früh."

die Treppe hinunter, raus.
Gesichter auf Gesichtern, auf, über Gesichtern,
Flecken.
alle Perspektiven stürzen ein.

der Winter ist vorbei und dann der lange glühende Sommer, der sommerhafte Herbst. der Winter bricht an. die Zeit bis zum sovielten letzten Entscheid schrumpft. ich setze das Todesurteil noch einmal in Lebenslänglich um. man will Antworten, keine Summen, aus denen sich neue Summen ergeben.

dieser eine Schritt das Sterben zuzulassen, den wir dann doch nicht setzen, macht uns zu Leichnamen, schon bevor die Zeit uns aufbricht.
"verbrenne die Körper!"
"Sterben verbrennen?"

ich steige in den Zug. morgen
wusste ich nicht weiter. vielleicht kommst du noch. ihre Zeit ist angebrochen, tönt deine
Worte, deine Gebärden.

du hältst deine Finger an meine Lippen. ich drücke sie an mich bis in die Ruhe.

im Dunkeln sehen wir mit den Ohren, der Haut, wachsen Leiber, Geschehen sich aus. keine Wand steht der Strahlung sich aushauchender Leiber im Wege.

ich reisse mir die Augenlider aus: "sieh!"
ich schaffe den Leib vor Ort: "wisse!"

"Sie kennen sie?" "ja." "Sie wissen?" "ja." das Glas in meiner Hand zerbricht. "schlafen Sie heute Nacht bei mir?" ich wanke zurück in das Haus, die erkalteten Hauche.

ich reisse mir den Leib mit den Fingernägeln auf, trenne den Uterus heraus, wühle ihn ein in die Erde. eine rote Spur ist alles, was bleibt, wird rostig. das geht schnell.
ein Echo, ein Nachhall von irgendwo, ein Zittern.

vielleicht lässt die Kraft, die dieser letzte Schrei in mir freisetzt, mich noch einmal zu Atem kommen, schnelle ich auf, erreiche eine Grenze. vielleicht findet mich einer, hat von sich aus die Kraft zu kommen.

"wo sind deine Gedanken?" "in der Ruhe aus uns." dein Lachen. "sag etwas!", sagst du.

meine Hände, schwarz. jemand drückt etwas gegen die Linke. es bleibt kleben. ich ziehe den linken schwarzen Handschuh mit der klebrigen Masse ab. über die weisse Hand ziehe ich den Ärmel. nur die Fingerspitzen stechen heraus.

"ein Akt der Zusammengehörigkeit", sagen sie. des Abschieds, sie wissen es nicht. natürlich wissen sie es. ich reiche jedem die Hand, sage - nein, schweige. "und?", sagen sie, "ist dies nichts?"

der Weissköpfigen Augen durchbohren den Raum. kurz stehen wir Auge in Auge. sie schwebt vorbei, droht zu stürzen, stellt sich an die Rückwand, bohrt die Augen in den Raum. man zeigt die Fronten, beisst die Zähne zusammen. Frauen halten die Handtaschen vor die Schösse.

in allen Wegen errichten wir Mauern. der Zoll ist so hoch. niemand, der - wenn überhaupt - gehen will, kann ihn entrichten. ein Wegkommen zu zweit? wir regen uns auf, altern, stehen entlang den Wänden mit unseren halbvollen Gläsern. das Bier ist lau.

Aus Notizen 1988/91

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